Kultur : Fährtenleser

Zum 80. Geburtstag des Kulturhistorikers Peter Gay

Bettina Engels

Im November 1999 wurde der amerikanische Kulturhistoriker und Psychoanalytiker Peter Gay für seine Memoiren „Meine deutsche Frage. Jugend in Berlin 1933-1939“ (C.H. Beck Verlag) in München mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Er wollte die Frage vieler jüngerer amerikanischer Juden beantworten, warum es die deutschen Juden damals nicht besser gewusst hätten: „Warum habt Ihr bis 1939 gewartet und seid nicht allesamt am Tag nach Hitlers Machtergreifung geflohen?“

Zu den „widersprüchlichen Signalen“, aus denen sich Gays Erfahrungsgeschichte in Nazi-Deutschland zusammensetzt, gehört zum Beispiel die Tatsache, dass seinem Onkel noch im Juni 1935 das „Ehrenkreuz für Frontkämpfer“ verliehen wurde. Dazu zählt auch, dass sein Vater bis 1938 eine Rente als verwundeter Frontkämpfer erhielt, oder die Wahrnehmung des Jungen, an seinem Gymnasium praktisch keinen antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt gewesen zu sein. Die Realität, lernt man von Gay, „bestand zu 90 Prozent aus normalem Alltag“.

Wahrscheinlich war die Assimilation der amerikanischen Sprache und Kultur für Gay die erste und wichtigste Heilquelle gegen das Nazi-Trauma. Seit 1941 nennt sich der deutsche Emigrant Peter Fröhlich „Gay“. 1946 wurde er in den USA eingebürgert; hier fand er Freunde, heiratete, habilierte 1962 und ließ sich in den siebziger Jahren zum Psychoanalytiker ausbilden.

Den von ihm selbst als ungerecht empfundenen Hass auf alles Deutsche überwand er nur langsam. So war für ihn das erste Wiedersehen mit Deutschland 1961 eine Qual. Bis in die neunziger Jahre musste er nach eigener Auskunft warten, um in „seinem eigenen Ton“, ohne anzuklagen und ohne Selbstmitleid, über die Ereignisse von damals schreiben zu können. Bis heute bringt ihn nichts mehr auf, „als wenn Deutsche die Vereinigten Staaten des Materialismus und der Kulturlosigkeit bezichtigen“.

Da aber Wunden, wie Gay mit Rilke sagt, „nicht dadurch heilen, dass man Fahnen in sie einpflanzt“, führte ihn nicht Patriotismus, sondern eine bald durch psychoanalytische Methoden und Gegenstände angereicherte Geschichtswissenschaft zur Verarbeitung der Vergangenheit. Zunächst in traditionellerer Herangehensweise mit der Aufklärung befasst, machte Gay in seiner fünfbändigen Geschichte des Bürgertums im 19. Jahrhundert auch die Sexualwelt zum Objekt der Historiographie. Gegen das Vorurteil vom verklemmten, viktorianischen Zeitalter rehabilitiert er die Bürger des vorletzten Jahrhunderts – in Freudschen Kategorien attestiert er ihnen gleichermaßen ein erfülltes Sexualleben und gelingende Sublimierung, abzulesen an ihrem verfeinerten Kunstverstand.

Die Weihen des Klassikers hat sich der mittlerweile emeritierte Yale-Professor spätestens 1988 durch seine viel gerühmte Freud-Biografie erworben. Gays Affinität zum Gründer der Psychoanalyse rührt sicher auch daher, dass dieser wie er „ein gottloser Jude“ war (so der Titel einer weiteren Arbeit über Freud), der ebenfalls im letzten Augenblick der Ermordung durch die Nationalsozialisten entging.

So mag Peter Gay vor vier Jahren in München auch an Freuds Theorem der Ich-Identifikationen gedacht haben, als er die Wiederannäherung von Deutschen und Juden einer historischen und einer Sprachkritik empfahl. Er riet, die Geschichte und Erfahrungen deutscher Juden „mit größerer Sorgfalt zu studieren“ und „unsere Begriffe, die mit Judentum zu tun haben, sorgfältig zu überprüfen“, um Identitäten nicht leichtfertig zuzuschreiben – für Peter Gay, der heute 80 Jahre alt wird, eine Frage der historischen Wahrheit, der Gerechtigkeit und nicht zuletzt: des Stils.

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