Kultur : Fahr’n, fahr’n, fahr’n

Christian Schröder

Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn / Vor uns liegt ein weites Tal / Die Sonne scheint mit Glitzerstrahl.

Die Freiheit begann auf der A 2, Hannover – Dortmund, Auffahrt Gütersloh. Hinter uns lag das Abitur, vor uns: die Welt. Eine Welt ohne Lehrer, Eltern oder sonstige Erziehungsberechtigte, ein paar Wochen Auszeit vor dem endgültigen Großundstarkwerden. Danach würde der Ernst des Lebens in Form von Zivildienst, Banklehre oder Studium früh genug beginnen. Jetzt erst einmal: Portugal. Dort sei es garantiert warm, hatten Freunde versprochen, die schon da gewesen waren. Die Strände und die Städte: schöner als die in Italien oder Südfrankreich. Und alles nur halb so teuer.

Die Fahrbahn ist ein graues Band / Weiße Streifen, grüner Rand .

Bei durchgetretenem Gaspedal und günstigen Außenbedingungen, bergabwärts mit Rückenwind, brachte es M.s Käfer auf 130 Stundenkilometer. Dortmund, Essen, Venlo, Antwerpen, Brüssel, Paris, Dijon, Lyon, Valence. Fahren, fahren, fahren. Am ersten Tag schafften wir 1200 Kilometer. Irgendwo in der Provence bogen wir von der Route Nationale ab, knirschend kam der Wagen auf einem Feldweg zu stehen. Für ein Zelt war im Kofferraum kein Platz mehr gewesen. M. und C. drehten ihre Sitzlehnen zurück, D. quetschte sich auf die Rückbank. Ich legte meine Isomatte in eine Erdmulde und glaubte schon das Meer zu riechen. Am zweiten Tag erreichten wir das Baskenland und Pensionsbetten. Schlafen, schlafen, schlafen. Am dritten Tag waren wir in Peniche, einem Fischerdorf an der portugiesischen Atlantikküste. Absoluter Geheimtipp. So geheim, dass wir vor dem Rathaus F. aus dem Jahrgang unter uns trafen. Es waren die achtziger Jahre, man musste cool sein. Wir nickten ihm nur wortlos zu. Wir waren supercool.

Aus dem Lautsprecher klingt es dann: / Wir fahr’n auf der Autobahn.

„Autobahn“ von Kraftwerk war 1974 erschienen. Unser Abitur zehn Jahre später fiel in die New-Wave-Ära. Wir hörten: Police, Elvis Costello, The Sound, die Chameleons, die Smiths. Und, immer wieder, „Road to Nowhere“ von den Talking Heads. „Well we know where we’re going, but we don’t know where we’ve been“, sang David Byrne. Natürlich konnte er nur uns meinen. Wir spulten zurück und wollten ihn, lauter, noch einmal hören. Ich erinnere mich an den Geruch frisch gegrillter Sardinas, an das Blauschwarz des Atlantiks, an das Brausen des VW-Viertaktmotors und das Singen seiner Räder auf dem heißen Asphalt.

Bisher erschienen: unterwegs zu Fuß, mit dem Fahrrad, auf der Vespa und der Luftmatratze. Als Nächstes: unterwegs mit dem Segelboot.

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