Kultur : "Falco meets Amadeus": Retter von der traurigen Gestalt

Frederik Hanssen

Elmar Ottenthal ist gut drauf. Von Stress keine Spur. Dabei steht für ihn am Sonnabend alles auf dem Spiel: Seine Ehre, sein Ruf, vielleicht sogar sein Job. Bei der Uraufführung des Musicals "Falco meets Amadeus (FMA)" führt Ottenthal Regie, mit dem Stück will er das Theater des Westens (TdW), dessen Intendant er seit Herbst 1999 ist, einer strahlenden Zukunft entgegenführen. "FMA" soll endgültig das Ende der Ära seines Vorgängers Helmut Baumann sein, Abschied vom Berliner Stadttheater für klassisches Musical und Operette und gleichzeitig Aufstieg in die Liga national bedeutender Unterhaltungstempel. Zu "FMA" sollen die Leute aus der ganzen Republik in die Kantstraße pilgern - so wie zum "Glöckner" an den Potsdamer Platz. Ottenthal hat viel investiert, damit es eine Supershow wird. Wenn man es genau nimmt, hat er dafür sogar Schulden gemacht. Kein Wunder, dass man es überall raunen hört: Wenn "FMA" floppt, ist das Theater des Westens so gut wie tot.

Auch Elmar Ottenthal kennt diese Gerüchte. Trotzdem ist er gut drauf. Nicht ohne Stolz rechnet er vor, dass er bereits 67 000 Festbuchungen für "FMA" habe, im Oktober liege die garantierte Auslastung jetzt schon bei 63 Prozent, umgerechnet auf die Geamtlaufzeit bis Mitte April 2001 immerhin bei 25 Prozent. Das sei doch ein enormer Schritt nach vorne, findet er, wenn man das mal mit den Zahlen der Baumann-Ära vergleiche: Allein seine erste, eingekaufte Show "Chicago" hätten 154 891 Leute gesehen, mehr als die letzten drei Produktionen des alten Teams zusammen. Der 49-Jährige lässt seinen österreichischen Charme spielen - und doch beschleicht den Besucher im Laufe des Gesprächs immer stärker das ungute Gefühl, einem Mann gegenüberzusitzen, der ganz übel hereingelegt wurde.

Als Elmar Ottenthal seinen Job in Berlin antrat, präsentierte ihn der damalige Kultursenator Radunski als Retter des in Ehren verstaubten TdW, und der Neue rollte vor der Presse ein beeindruckendes Konzept aus: In vier Jahren sechs Uraufführungen, vielleicht mehr, versprach er, neue Stücke, die nach der ersten Serie in Berlin durchs Land ziehen und mächtig Tantiemen einspielen sollten.

Ottenthal, der zuletzt als konstruktiv wirtschaftender Intendant des Stadttheaters Aachen Pluspunkte bei der Politik sammelte, hatte eine klassische mission impossible übernommen. Das wurde ihm allerdings erst klar, als er sich in die Bücher versenkte: Er soll sein neues Konzept nämlich unter den alten finanziellen und personellen Rahmenbedingungen stemmen. In seinem "Zuwendungsvertrag", der Grundlage für Subventionen vom Land Berlin, steht bis heute, im TdW habe "unterhaltendes Musiktheater des Genres Musical und Operette" stattzufinden. In Berlin, so formuliert es Ottenthal vorsichtig, sei die Tendenz zum Festhalten an alten Strukturen "viel stärker als überall dort, wo ich zuvor gearbeitet habe."

Doch Ottenthal ließ sich nicht entmutigen, sondern schnell einiges einfallen: So schlug er vor, das gesamte Kreativteam vom Künstler bis zum Bühnentechniker aus dem Haus herauszulösen und eine GmbH zu gründen, die einerseits die neuen Stücke für das TdW produziert, außerhalb der Premieren-Vorbereitungszeiten aber ihre hochqualifizierten Spezialisten an Filmproduktionsfirmen und Messen gewinnbringend "vermietet". Ottenthal selber wollte mit guten Beispiel vorangehen und seinen Chefsessel im TdW gegen den des Geschäftsführers der neuen GmbH eintauschen. Die Gewerkschaften fanden die Idee naturgemäß wenig verlockend, ganz im Gegensatz zur damaligen Kultursenatorin Christa Thoben. Doch bevor sich etwas bewegen konnte, war sie wieder abgetreten. Danach war dann die "Dynamik raus", berichtet Ottenthal. Thobens Nachfolger Stölzl zeige sich eher "zurückhaltend" in der Frage.

Der komplizierteste Erbteil aus der Ära Baumann aber ist das Orchester. 38 Musiker, die meisten davon Streicher, ein Ensemble, das auf Operettenbetrieb ausgerichtet ist. So eine Formation hat keinen Platz in Ottenthals Rock-Musicals, schlägt aber trotzdem mit 4,6 Millionen Mark im Etat zu Buche. Bei "Chicago" lag die Auslastung des Orchesters knapp über 20 Prozent. Die meisten Musiker gehen also seit vergangenem Herbst mehr oder weniger freiwillig spazieren - oder spielen zum Wohl ihrer Privatkasse bei anderen Orchestern. Zuerst stellte Ottenthal einen Orchestermanager ein, der Aufträge an Land ziehen sollte. CDs wurden produziert, Kooperationen mit den "Wühlmäusen am Theo" und der Neuköllner Oper kamen zustande, die Streicher spielten vor den "Chicago"-Aufführungen im Foyer. Doch selbst damit konnte die Auslastungsquote nur auf 38,6 Prozent erhöht werden. Also versuchte Ottenthal, die Musiker "auszuleihen". Der Friedrichstadtpalast hätte die Profis gerne für seine Weihnachtsshow gebucht, die Berliner Symphoniker zeigten sich interessiert und auch das "Glöckner"-Musical. Trotzdem erhielt das gesamte Orchester am 17. Juli die Kündigung. Versucht man zu erfahren, warum die Verhandlungen scheiterten, stößt man überall auf total gesprächsbereite Menschen: Ob Deutsche Orchestergewerkschaft oder Kulturverwaltung, alle wollen mindestens ebenso sehr an der Lösung des Konflikts interessiert gewesen sein wie der TdW-Intendant selber.

Die Probleme bleiben an Ottenthal hängen. Er steht nicht nur als Orchesterschlächter da, sondern das ganze unangenehme Unterfangen verschafft ihm fühestens in drei Jahren spürbare finanzielle Erleichterung - wenn die im Musiker-Tarifvertrag festgeschriebenen Abfindungssummen abgezahlt sind. Ob Ottenthal bis dahin im Finanzrahmen bleiben kann, ist fraglich. Immer wieder habe er Politiker aller Parteien um die Erlaubnis gebeten, seine bis 2003 zugesagten Subventionen von jährlich 20 Millionen Mark als Gesamtsumme betrachten zu dürfen, um in den ersten beiden Jahren Investitionen machen zu können, die sich anschließend mit den zu erwartenden Mehreinnahmen verrechnen lassen - so, wie es jeder Betriebswirtschaftsstudent im ersten Semester lernt. Doch bisher war keiner davon zu überzeugen - obwohl alle wissen, dass das TdW so unabwendbar ins Minus schlittern wird.

Gibt es für Elmar Ottenthal nicht doch einen Punkt, wo er - wie Ex-Kultursenatorin Thoben - sagen muss: Mit dem vorhandenen Geld kann ich den Job nicht machen? Die Antwort fällt ihm leicht: "Der schwächste Satz, den ich mir vorstellen kann, ist: Entweder es passiert - oder ich gehe."

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