Kultur : Familienbande

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Gregor Dotzauer über die Schlacht um Siegfried Unselds Biografie

Was waren das für Zeiten, als ein öffentliches Gespräch über Bücher noch Kritiker brauchte, die sie gelesen hatten. Nicht, dass nicht schon immer Blender unterwegs gewesen wären (am jüngsten Tag wird es da noch so manche Überraschung geben). Aber die Kunst, jeden popeligen Sachkern zum Feuilleton-Luftballon aufzublasen, hat spätestens mit der von der „FAZ“ ausgelösten Debatte um Martin Walsers Roman „Tod eines Kritikers“ eine neue Qualität erreicht: Am trefflichsten stritt es sich, solange das Ding noch niemand kannte. Noch bevor Peter Michalziks Biografie „Unseld“ (Blessing, 400 S., 23,90€) alle Redaktionen und Buchläden erreicht hat, rumort es von Neuem. Das Leben von Siegfried Unseld, dem charismatischen Hausherrn des wichtigsten deutschen Verlages, gibt auch eine Menge her. „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher verdammt das Buch im gestrigen Feuilleton seines Blattes in Grund und Boden und stänkert gegen Ulrich Raulff, seinen früheren Feuilletonchef. Der hatte das Buch in der „SZ“ einen „literarischen Bubenstreich“ genannt, Schirrmachers Walser-Coup jedoch einen „Böse-Buben-Streich“. Familienbande. Dabei geht es diesmal um Fakten, nicht Fiktionen. Wobei die gegenseitigen Bezichtigungen, das eine mit dem anderen zu verwechseln, schon jetzt groteske Züge tragen.

Parallel zur Auslieferung des Buches verschickt Suhrkamp eine 19 Seiten umfassende „Vorläufige Errata-Liste“, die den Autor dieser ersten Unseld-Biografie wie einen Kretin erscheinen lässt. Seit vorgestern liegt eine vorläufige Entgegnung des Blessing Verlags vor. Nun steht etwa in der Frage, ob Unseld Tagebuch führte, Aussage (u.a. Interviewquelle „Stern“) gegen Aussage (Suhrkamp-Autorität) . Und niemand weiß, ob sie tatsächlich vom gesundheitlich angeschlagenen Unseld stammt. Unabhängig davon, dass Michalzik sich unverzeihliche Schlampereien geleistet hat, geht es auch um die Empfindlichkeit eines Hauses, das am liebsten die Deutungshoheit über die eigenen Geschicke behalten würde. Für eine Einigung ist es zu spät. Tage bevor die Errata publik wurden, bat Michalzik, der von der Vorbereitung der Liste erfahren hatte, Suhrkamp schriftlich, ihm Einwände mitzuteilen. So sagt er es selbst. Da wären Korrekturen noch möglich gewesen. Der Verlag reagierte nicht. Aber Blessing kam auch nicht auf die Idee, die Veröffentlichung zu verschieben. Jetzt wird das Streitobjekt 10 000 Mal aufgelegt.

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