• Familientreffen - ein amerikanischer Film über die Verfolgung Homosexueller im Dritten Reich

Kultur : Familientreffen - ein amerikanischer Film über die Verfolgung Homosexueller im Dritten Reich

Frank Noack

Stellen wir uns einmal vor, die einzigen Filme über die Diskriminierung von Schwarzen in den USA kämen aus Deutschland. Dann würden wir uns doch fragen, warum amerikanische Künstler nichts zu dem Thema beisteuern. Die Vorstellung ist nicht so abwegig, wie sie klingt, denn die einzigen Filme über die Verfolgung der Homosexuellen im Dritten Reich sind in England und in den USA entstanden: Erst "Bent" und jetzt der Dokumentarfilm "Paragraph 175". Das erstaunt insofern, als es sich um ein rein deutsches Thema handelt. Juden, Kommunisten, Roma und Sinti sind im ganzen besetzten Europa von den Nazis verfolgt worden, Homosexuelle nur in Deutschland. Sie hatten auch Möglichkeiten der Anpassung. Der spätere Filmarchitekt Albrecht Becker meldete sich, kaum aus der Haft entlassen, freiwillig zur Armee - weil er unbedingt unter Männern sein wollte. Er war potentielles Opfer und Mitläufer in einem. Vielleicht ist es diese moralische Ambivalenz, die Homosexuelle vielen Antifaschisten suspekt erscheinen lässt.

Die erfahrenen Dokumentarfilmer Rob Epstein und Jeffrey Friedman ("Celluloid Closet") reizt gerade die Ambivalenz. Nur zehn KZ-Häftlinge, die nach Paragraph 175 verurteilt worden sind, leben noch; sechs von ihnen konnten zu einer Aussage überredet werden. Die Kamera läuft weiter, wenn sie von der Ermordung ihrer besten Freunde erzählen und in Tränen ausbrechen. Andere Erlebnisse wieder humorvoll geschildert, zum Beispiel wenn Gad Beck berichtet, wie sich 1933 die Kleidung seiner Mitschüler innerhalb weniger Monate braun gefärbt hat. Den homosexuellen KZ-Überlebenden haben Epstein und Friedman ein würdiges Denkmal gesetzt. Zwar vernachlässigen sie einige interessante Aspekte, aber das nachzuholen, ist dann Aufgabe deutscher Filmemacher.Heute 12.30 Uhr (CinemaxX 7), morgen 14.30 Uhr (International)

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