Kultur : Fasten your Fettpolster

Vom Sardinenbüchsenklassiker und anderen Schenkelklopfern: Issey Ogata gastiert im Berliner Maxim-Gorki-Theater

Christine Wahl

Man würde sein Monatsgehalt darauf verwetten, dass der biedere Anzugträger seinem Nachbarn gleich den Ellenbogen in die Magengrube stößt. Am liebsten mehrfach. Und es ist wohl erst in zweiter Linie seiner gutbürgerlichen Erziehung geschuldet, wenn der bösartige Rempler letztlich doch unterbleibt. Primär fehlt dem Anzugträger schlicht der Platz. Er befindet sich nämlich in der Tokioter U- Bahn. Und hier gilt es am Morgen schon als Kunststück, eine Zeitung aus der obligatorischen Aktentasche zu fingern. Wer nach diesem Trip am Arbeitsplatz eintrifft, braucht mit Sicherheit erst mal drei Yoga-Einheiten bis zur vollen Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit.

Mit dem Sardinenbüchsenklassiker öffnet Issey Ogata im Berliner Maxim-Gorki-Theater seinen „Katalog des Großstadtlebens“, Ausgabe 2007. In Japan längst Kult, gelten die grotesken Momentaufnahmen aus dem Tokioter Alltag mittlerweile als echte Exportschlager; von den USA über Frankreich bis Deutschland. Man muss sich Ogatas Kurzporträts urbaner Durchschnittszeitgenossen ein bisschen vorstellen wie Stand-up-Comedy mit höherem Anspruch, die solide pantomimische Kunst mit einem ausbalancierten Schuss Mister Bean verrührt. Auch in Berlin, wo Ogata in den letzten Jahren bei diversen Festivals zwischen Schaubühne und Ballhaus Naunynstraße auftrat, scheint die Fangemeinde immens. Beim ausverkauften Gorki-Gastspiel jedenfalls schlucken fröhlich-lautstarke Schenkelklopfer ein sattes Drittel der Simultanübersetzung.

Wirklich schlimm ist das nicht. Denn Ogata – jenseits seiner lustigen One- Man-Shows auch als ernsthafter Charakterdarsteller gefeiert (von hiesigen Cineasten beispielsweise bei der Berlinale 2005 für seine Hauptrolle als letzter japanischer Kaiser in „Solnze“) – beherrscht die mimische Kunst so perfekt, dass man das Wesentliche tatsächlich aus der Anschauung entschlüsseln kann. Zumal der Schauspielstar eher auf Universalität denn auf Regionalfolklore setzt. Gigantische Kulturunterschiede sind jedenfalls nicht zu überbrücken: Der schwitzende Sprachlehrer, der sich über der korrekten englischen Satzbildung auf peinliche private Nebenschauplätze verirrt, der handwerklich mäßig begabte Gynäkologe beim Eigenheimbau oder die gesundheitsbeschuhte Krankenschwester, die sich mit Flowerpowerkette überm Kittel und Lotosblüte neben dem Brillenbügel als Sängerin einer Biergartenband bewirbt – sie alle speisen sich aus einem absolut kulturübergreifenden Stereotypenpool.

Sechs Szenen von jeweils fünfzehn- bis zwanzigminütiger Dauer hat Ogata für seine aktuelle Großstadtkatalogausgabe ausgewählt. Sämtlich Miniaturen, in denen er sich traumwandlerisch auf dem heiklen Feld der Überspitzung, Ironisierung und Typisierung bewegt, ohne in den platten Kalauer oder die Figurendenunziation abzurutschen: Ein Kunststück, das er bewerkstelligt, weil er sich keinerlei Schlampigkeiten durchgehen lässt. Jede Figur ist mit einer ureigenen, hochfeinen Feder gezeichnet: Der Gynäkologe rudert mit einer millimetergenau dosierten Mundmuskelzuckung auf dem provisorischen Dachbalken herum. Die Krankenschwester fördert unter ihrer leise, aber gründlich aufgebauten Körperexpressionshemmung plötzlich eine Impertinenz zu Tage, die ihr Gegenüber nachhaltig außer Gefecht setzen dürfte. Und dem Hoteldirektor, der seinen Nobelgästen beim Stromausfall die Treppe hinaufleuchtet, ist die dienernde Bückposition längst zur naturalistischen Grundkörperhaltung geworden. Angesichts der mimischen Bandbreite, die Ogata im Laufe des eineinhalbstündigen Abends aus sich herausholt, ist die inflationär gebrauchte Vokabel von der Wandlungsfähigkeit tatsächlich am Platze.

Das Schönste ist, dass man dem Künstler bei seinem liebevollen Verfertigen der Stereotypen buchstäblich zusehen kann. Nach jeder Szene zieht er sich an einen kleinen Schminktisch zurück, greift sich neue Kostüm-Accessoires von der Kleiderstange; und diese Fettpolsteranschnallung für den Englischlehrer, das Bebrillen für die Krankenschwester oder das sorgfältige Scheiteln für den Hoteldirektor sind grundlegender Bestandteil der Show. Issey Ogatas „Katalog des Großstadtlebens“ ist kurzweilige, moderne Unterhaltung ohne drängende Botschaft. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dass die eine oder andere Szene etwas zu oft ausschert, bis sie endlich auf der Zielgeraden eintrudelt, oder dass bei einer finalen japanischen Gesangseinlage des „Überraschungsgastes“ Max Raabe ein wenig in die Kitschkiste gegriffen wird, nimmt man da ohne mit der Wimper zu zucken in Kauf.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben