Faszination Knausgård : „Min Kamp“ funktioniert wie „Big Brother“

Knausgårds Romanzyklus trifft den Nerv der Zeit: Er nährt den Hunger nach künstlich vermittelter Realität und den Megatrend des radikalen Individualismus.

Steffen Damm
Die Illusion des Echten. In der holländischen Reality-TV Show "Utopia" müssen die Teilnehmer zusammen versuchen, eine neue Gesellschaft zu gründen. Das Format wurde in den Niederlanden entwickelt. Ab 2015 lief es auch im deutschen Privatfernsehen unter dem Namen "Newtopia". Foto: dpa/Robin Van Lonkhuijsen
Die Illusion des Echten. In der holländischen Reality-TV Show "Utopia" müssen die Teilnehmer zusammen versuchen, eine neue...Foto: dpa/Robin Van Lonkhuijsen

Die Situation erinnert an einen Marathon, wenn die Läufer gegen Ende ihre Reserven fast vollständig aufgebraucht haben. Es geht in diesem Stadium nicht mehr um die Freuden des Laufens, sondern vor allem darum, den inneren Schweinehund zu besiegen, es trotz aller Widrigkeiten doch noch zu schaffen. Bei einem Marathonlauf mag das als Anreiz genügen. Die Lektüre eines Langstrecken-Romans bedarf hingegen anderer Schubkräfte, um dem fatalen Effekt vergeudeter Lebenszeit entgegenzuwirken.

Was Karl Ove Knausgård den Lesern seines sechsbändigen Romanzyklus „Min Kamp“ (Mein Kampf) zumutet, ist aber genau dies: eine Selbstüberwindung, die in wachsendem Maße ein von der Erzählung abgelöstes Eigenleben annimmt. Folgerichtig lautet denn auch die erste Frage, die aufkommt, wenn sich Knausgård-Leser begegnen, nicht „Wie findest Du’s?“, sondern „Wie weit bist du?“. Der Aufwand, den die buchstäbliche Bezwingung dieses epischen Monolithen erfordert, rangiert mindestens gleichberechtigt neben dem Ertrag: der Erschließung einer „Selbstgeografie“, die großflächig in den Erinnerungsschüben des Icherzählers vermessen wird.

Dem Leser wird schon durch die Lektüredauer die Erfahrung eines Aufenthalts im raumzeitlichen Koordinatensystem des Textes ermöglicht. Knausgård verlangt uns eine aktive Mitwirkung ab, die auch jenseits der Literatur Voraussetzung ernstzunehmender Bindungen ist. Denn das Gesamtszenario des Romans, zu dem sich seine prägenden Motive wie die Auseinandersetzung mit dem übermächtigen Vater oder die Sehnsucht nach dem eigentlichen Leben nach und nach verdichten, speist sich auch aus den Erinnerungen des Lesers an zurückliegende Textpassagen. Wir selbst fügen die Bausteine dieses postheroischen Bildungs- und Entwicklungsromans zu einer Kausalkette zusammen und gelangen so zu einem sehr viel nachhaltigeren Eindruck als bei der Adaption eines stringenten, überschaubaren Handlungsgefüges.

Schriftsteller Karl Ove Knausgård, 48. Gerade ist "Kämpfen" der letzte Roman seines „Min Kamp“-Zyklus erschienen. Foto: dpa/Alejandro Garcia
Schriftsteller Karl Ove Knausgård, 48. Gerade ist "Kämpfen", der letzte Roman seines „Min Kamp“-Zyklus, erschienen.Foto: dpa/Alejandro Garcia

Dieser Effekt, sei er nun kalkuliert oder nicht, mag einen Teil der Faszination erklären, die von dem vielfach preisgekrönten Werk ausgeht. Die Frage indes, weshalb ein derart langatmiger, sprachlich nicht sonderlich bestechender Stoff voller inhaltlicher Wiederholungen und Banalitäten eine derart breite Leserschaft finden konnte, ist damit nicht beantwortet. Was an dieser tendenziell selbsttherapeutischen Nabelschau ist derart anziehend, dass es ein Pensum von insgesamt um die 4500 Seiten rechtfertigt?

Gewiss, es fällt nicht schwer, sich mit einem Autor zu identifizieren, der in aller Offenheit seine Schwächen und Unzulänglichkeiten darlegt, der sich gemein macht mit jedermann, indem er sich selbst als „kleinen Scheißer“ und notorischen Versager bezeichnet. Andererseits stehen die permanenten Selbstzweifel und -erniedrigungen des Icherzählers in einem prekären Verhältnis zu einer von Hochmut und Selbstüberschätzung geprägten Sicht der Dinge.

Es ist dieser paradoxe Gestus der Uneindeutigkeit und beständigen Selbsthinterfragung, gepaart mit einem aufs Höchste gerichteten Anspruch und einem penetranten Mitteilungsbedürfnis, der Knausgårds Projekt zu einem paradigmatischen Dokument seiner Zeit macht. Der Stellenwert dieses Romans ist weniger an seine literarischen Qualitäten als an einen Modus der Selbstdarstellung geknüpft, der charakteristisch für seine wie für nachfolgende Generationen ist.

Knausgård macht nichts anderes als ein Facebook-User mit seiner Timeline

Knausgårds radikaler Individualismus spiegelt einen Megatrend seit den achtziger Jahren wider. „Nur über mich selbst, sonst nichts. Ich, ich, ich.“ Das Handlungsziel der Innenorientierung rückt die beständige Auseinandersetzung mit Selbstzuständen ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Das Subjekt wird in einem grenzenlos erweiterten Möglichkeitsraum zum beständigen Beobachter seiner selbst.

Knausgård macht im Prinzip nichts anderes als ein Facebook-User mit seiner Timeline: Er veröffentlicht eine kuratierte Version seiner eigenen Biografie. Er macht sein Leben als eine Art literarisches Breitbild-Selfie transparent, teilt es mit anderen und nennt es Roman, um sich auf die Gestaltungslizenzen künstlerischer Freiheit berufen und sie zugleich untergraben zu können. Knausgård ist im Klima der Gutenberg-Galaxis aufgewachsen und sozialisiert, kauft echte Bücher, bedient sich für sein eigenes Werk einer klassischen Publikationsform. Nichts in diesen Bänden lässt auf eine ausgeprägtere Affinität gegenüber den neuen Medien schließen. Gleichwohl ist eben dieses Werk offen für Lesarten, die den Mediennutzungsgewohnheiten der Digital Natives entsprechen.

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