Kultur : Faust auf der Expo: Noch ist Goethe nicht verloren

R.S.

Ein Spiel auf Zeit, auf Lebenszeit - das ist Theater immer; noch der kleinste Einakter erhöht oder vernichtet das Kostbarste, das wir besitzen. Die Zeit: Goethe schrieb sechzig Jahre am "Faust", und ebenso alt musste Peter Stein werden, um zum ersten Mal in der Geschichte des Theaters das wahnsinnige Unternehmen einer vollständigen Aufführung sämtlicher 12 111 Verse zu realisieren, mit 80 Mitarbeitern und rund 30 Millionen Mark Produktionskosten. Noch in letzter Sekunde schien dieses urdeutsche Expo-Event gefährdet, wären nicht die Mehrwertsteuerforderungen an das Faust-Ensemble, rund eine Million Mark, abgewendet worden. Aber was wird am Ende der ideelle Mehrwert einer ungekürzten "Faust"-Darbietung sein? Wie halten wir es mit der Goethe-Gläubigkeit? Die Gretchenfrage lässt sich nach den ersten sieben Stunden, dem ersten "Faust"-Tag, schwer beantworten. Es war ein verregneter, bisweilen sonniger Sonnabend auf der Weltausstellung in Hannover, und die Besucher der Premiere in Halle 23 taten, was jeder Expo-Besucher tut, wenn es irgendwo nach einem Erlebnis riecht: Sie übten sich in Geduld. Sie sahen eine über weite Strecken hölzern-kunstgewerbliche, konventionelle, anfangs arg ermüdende Theaterübung mit einem uninspirierten Protagonisten. Natürlich wird man dem jungen Schauspieler Christian Nickel Respekt zollen, der nach dem Unfall von Bruno Ganz, des alten Faust, die Last der gesamten 20-Stunden-Distanz zu tragen hat. Nickel, ein großer, gut aussehender Bursche, eine kraftvolle, intellektuelle und sinnliche Erscheinung auf den ersten Blick, machte nun eine so steife Figur, er deklamierte derart mechanisch auch als verjüngter Faust, in seiner angestammten Rolle, dass man Zweifel bekam, ob die Geschichte mit Bruno Ganz grundsätzlich anders aussieht; man wird nach der Berliner Aufführungsserie, die im Oktober beginnt darüber mehr erfahren. Kein rauschender Beginn. Nichts Pompöses, Gewagtes. Biederkeit überwog. Stein hatte verkündet, jeder "Depp" könne den ersten Teil inszenieren. Das Wort dürfte ihm noch leid tun.

Und so einfach hat er es sich doch nicht gemacht. Goethe wörtlich zu nehmen, kann auch bedeuten, Goethe zu verraten. Es wurde nicht gut genug gesprochen, um eine "konzertante Aufführung" zu rechtfertigen. Schauspieler entledigen sich der Textmassen. Zuschauer werden von einem Spielort zum anderen getrieben, was schon im noch einigermaßen konsistenten "Faust 1" den disparaten Charakter der Dichtung betont, die Story des von Kopf bis Fuß auf Triebe eingestellten Professors blockiert.

Keinerlei Überraschungen. In Ferdinand Wögerbauers Bühnenbild sieht Fausts Welt so aus, wie ein phantasieloser Studienrat sich das zu allen Zeiten imaginiert haben mag. Das Studierzimmer vollgestopft mit Büchern, der Pudel ein wohl dressierter Königspudel; beim Osterspaziergang sind die Bürger brave Biedermeier-Karikaturen, die Studenten in Auerbachs Keller sind mächtig besoffen und haben Käppis schief auf dem Kopf, in der Hexenküche blaffen hüpfen, gaffen die Affen. Faust scheint von alledem unberührt. Nur Robert Hunger-Bühler als Narr und Mephisto findet einen scharfen, ironischen, spielerischen Ton. Dorothee Hartinger, das Gretchen, hat anrührende Momente, keck und ein bißchen sexy. Doch in der Walpurgisnacht wird alles wieder mit einer Spießer-Party verspielt. Der greise Will Quadflieg, Faust-Held der legendären Gründgens-Inszenierung, rezitierte als Gast (das war dann doch eine Überraschung) das Motto für den ersten Abend: "Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten . . . ". Die Ressource Zeit wurde in die Zeitmaschine gesteckt. Auf der Expo 2000 sind die fünfziger Jahre zurückgekehrt. Aber das waren nur die ersten sieben Stunden. "Faust 2" dauert doppelt so lang. Noch ist nichts gewonnen - noch nicht alles verloren. Der Tragödie erster Teil, nur ein Marathon-Prolog? Am Vormittag des zweiten Tages deutet sich bereits an, was Peter Stein zu seiner Herkules-Inszenierung getrieben hat. Es geht ihm um mythologische Paraden und Scharaden, den Zauberzirkus, den Kinder- und Inder-Karneval von Faust Zwei. Stein will das Ungespielte, das Unspielbare - verspielen?

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