Kultur : FDP: Ein Projekt - so oder so

Robert Birnbaum

Neulich hat Jürgen Möllemann rechnen lassen. Die Addition, die ihm sein Berater Fritz Goergen vorlegte, behagte dem nordrhein-westfälischen FDP-Chef ganz ungemein. 167 Stimmen hat der eigene Landesverband demnach beim Bundesparteitag, 115 Liberale stellen die Ost-Länder und Berlin, 60 Bayern, 27 Schleswig-Holstein. Dann noch ein paar kleinere Länder, die Hälfte der Niedersachsen und der Rheinland-Pfälzer - die Summe unter dem Strich ergab klar: Bei 662 Delegierten auf dem Parteitag in Düsseldorf müsste es fürs Ja zu Möllemanns Lieblingsidee "Kanzlerkandidat" reichen.

Guido Westerwelle hat aber auch gerechnet. Für den Mann, der an diesem Freitagabend FDP-Chef wird, war es keine simple Addition, sondern eine Gleichung mit Unbekannten. "Möllemann" hieß die eine davon, vergleichsweise noch die Berechenbarste. "Ostdeutschland" hieß eine andere Variable, "Sachsen-Anhalt" eine dritte. Auch "Bundestagswahl" kam vor, und natürlich "Kanzlerkandidat". Westerwelle hat lange geknobelt. Dann hat er eine Lösung gefunden. Sie lautete: Cornelia Pieper muss Generalsekretärin der FDP werden.

Das klingt wie ein bisschen viel der Ehre für die Personalentscheidung zu Gunsten der FDP-Chefin von Sachsen-Anhalt. In der Tat ist Pieper nur Teil eines taktischen Puzzles, mit dem Westerwelle das Feld für den Parteitag und die kommenden zwei Jahre bis zur Bundestagswahl bereitet hat. Aber ein ziemlich wichtiges Teil. Zum Beispiel, weil sie jetzt plötzlich in Möllemanns Rechnung fehlt.

Es ist ja noch nicht lange her, da war Pieper schwer für den "Kanzlerkandidaten" eingenommen. "Spritzig" fand die Vize-Bundesvorsitzende und informelle Stimme des Ostens die Idee. Die Begeisterung teilte sie mit vielen ostdeutschen Liberalen. Zu erklären ist das vor allem mit Jürgen Möllemanns Terminplan. Der Mann hat monatelang schwer gearbeitet. Quer durchs Land ist er gereist, fallweise mit dem Fallschirm vom Himmel gefallen, und hat für das Projekt 18 geworben - inklusive Kanzlerkandidat. Überall war er, vor allem aber dort, wo die FDP bei Wahlen unter "Sonstige" aufzutauchen pflegt. Mit Erfolg: "Den Armen, die sowieso nichts zu verlieren haben", sagt ein Liberaler mit respektvollem Spott, "ist Möllemann wie der Erlöser erschienen."

Inzwischen klingt Pieper aber anders - vom Kanzlerkandidaten keine Rede mehr, nur noch vom "Spitzenkandidaten". Dass der Osten nicht zu Möllemann-Land wird, ist für Westerwelle freilich nicht nur bei diesem Parteitag wichtig, sondern weit darüber hinaus. Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im nächsten Frühjahr wird sein Test. "Westerwelle", sagt dazu ein Spitzenliberaler, "kann die Bundestagswahl nicht im Osten gewinnen; aber er kann sie dort verlieren." Reicht es selbst in Piepers Heimatland nur für 4,2 Prozent wie 1998, ist der Traum von der Zweistelligkeit rasch ausgeträumt.

Möllemann weiß das übrigens. Seine NRW-FDP ist der Patenverband der Sachsen-Anhaltiner. Aber seit die Landeschefin auf Westerwelles Seite steht, nützt ihm das wenig. Auch die Aussicht, mit der Autorität des Patenonkels aus dem Westen den Landtagswahlkampf nach Gutdünken gestalten zu können, hat ihm der künftige Chef so verstellt. Das ist nun freilich schon Taktik für Feinschmecker. Aber es ist eben viel taktiert worden in den letzten Tagen und viel telefoniert. Westerwelle will das Kunststück hinbekommen, Möllemanns Talente als PR-Genie für sich nutzbar zu machen - nur ohne "Kanzlerkandidat". Allein das Pieper-Prinzip, das weiß der künftige Chef, reicht dazu nicht. Es wird mindestens noch gezielt platzierter Änderungsanträge und einer engagierten Rede bedürfen, damit die Delegierten in der Düsseldorfer Stadthalle ihm folgen.

Den Ausweg, dass er im Notfall sich selbst zum Kanzlerkandidaten macht, hat er sich ein paar Tage lang offen gehalten. Aber seit Mittwoch ist Westerwelle zum Angriff übergegangen. Projekt 18 - ja. Verzicht auf eine Koalitionsaussage - ja. Kanzlerkandidat? Nein. "Auch 18 Prozent reichen nicht zum Kanzler, soweit ich weiß", hat Westerwelle spitz bemerkt und gewarnt: Ein so leicht erkennbarer Verkaufstrick schade der ernst gemeinten Wachstumsstrategie mehr als er nütze.

Möllemann sieht das immer noch anders. Doch ihm schwant, dass seine Rechnung nicht aufgehen könnte. Darum hat er sich von Westerwelle nötigen lassen, als Parteivize zu kandidieren. Wenn Du das ausschlägst, hat ihm Westerwelle sinngemäß gesagt, dann verlierst Du alles. Die anderen warten nur darauf, Dich zu schlachten. Kurz darauf hat in Stuttgart der Landeschef Walter Döring angefangen, über den "größenwahnsinnigen" Möllemann zu wüten. Westerwelle hat nach dem ersten Schreck die Chance erkannt, die sich ihm bot: "Ich bin überhaupt nicht erfreut über diese Art der Auseinandersetzung", hat er väterlich gemahnt. Da spätestens ist Möllemann aufgegangen: Mit diesem Vorsitzenden muss man wohl rechnen.

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