Kultur : Fernsehzimmer: Kultur-Posing

In der nächsten Woche: das Lesezimmer von Rai

Im "stern" zur Buchmesse sehen wir einen edelmüden Kulturritter, zweiseitig hingebettet auf der Chaiselongue seiner Berliner Wohnung. Es ist Staatsminister Michael Naumann, der sich im Kultur-Posing übt, einer Disziplin, die in Deutschland bislang nur von dem Ästhetik-Professor Bazon Brock befriedigend vertreten wurde.

Die malerische Assemblage, irgendwo zwischen Manets Olympia und einem unbekannten Spitzweg angesiedelt, zeigt uns einen ermatteten Kulturbürger mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen. Er trägt verblichene Levis, die Farbe des Hemdes, dessen Ärmel lässig zurückgeschlagen sind, korrespondiert schön mit dem beigen Leinen der Couch. Kunsthistorisch signifkant sind die nackten Fußsohlen, Symbole der Verletzlichkeit und Intimität. Vor dem schlafenden Minister sind im korrekten Medienmix drei Videocassetten, ein portables Telefon, eine TV-Fernbedienung und sechzehn Bücher auf einem Tisch drapiert, darunter Werke von Ambrose Vollard, Maxim Biller, Dieter E. Zimmer und Philip Roth. Seht her, ich kann nicht viel entscheiden, aber ich bin trotzdem erschöpft, sagt uns der Kultur- und Medienbeauftragte der Bundesregierung mit seinem Bild, dem ähnliche Bedeutung zukäme wie dem berühmten Brioni-Foto des Bundeskanzlers Schröder, wäre Michael Naumanns Tätigkeit in irgendeiner Weise politisch bedeutsam.

Vor einigen Jahren haben Cordt Schnibben und Christian Berg einen TV-Film über den inzwischen in der Versenkung verschwundenen, damaligen SPD-Star Björn Engholm gedreht, als dieser gerade in der Nachfolge Uwe Barschels sein Ministerpräsidentenamt in Kiel antrat. Engholm wurde als Vertreter einer bewußt machtlosen Politik gezeigt, eingekesselt vom eingespielten Beamtenapparat, und er identifizierte ohne großes Bedauern die wirklichen Entscheidungszentren in den Chefetagen der großen Konzerne oder in den Brüsseler Kommissariaten. Die Folge war, so der Film von Berg und Schnibben, die ästhetische Inszenierung der Machtlosigkeit durch Engholm. Du sollst italienische Schuhe tragen, du sollst Pfeife rauchen, du sollst Jazzmusik während der Arbeitszeit hören, das waren Engholms Gebote. Hier schließt Karin Rocholls stern-Bild von Michael Naumann an.

Vor Naumann bauen sich Bücher, Kernsymbole bürgerlicher Bildung und Aufklärung, als Schutzwall gegen die reale Sphäre politischer Dezisionen auf. Dahinter kann der Minister ohne Ressort und wirkliche Kompetenzen beruhigt die Augen schließen. Im Urlaub hat er, so ist dem Begleittext zu entnehmen, Marc Aurels Trostbuch "Selbstbetrachtungen" gelesen. Marc Aurel habe, so Naumann, "Betrachtungen über die Vergänglichkeit des Lebens geschrieben, über die Vergänglichkeit des Ruhms und über die Notwendigkeit - ob man ein Kaiser ist oder ein normaler Leser wie ich -, einem inneren Maß zu folgen. Die Essenz: Bescheidenheit, und der Wille, Gutes für die Gemeinschaft zu tun".

So hat Naumann sich gemäß den Maximen und Reflexionen Marc Aurels für das Holocaust-Mahnmal eingesetzt, das Berliner Stadtschloß, die Rückkehr von Beutekunst und das Bündnis für den Film. Er kann nichts dafür, daß sich während seiner Amtszeit als Kultur- und Medienminister die Zusammenballung publizistisch-ökonomischer Macht in Deutschland so dramatisch verschärft hat wie in keiner anderen politischen Epoche zuvor. Er kann daran nichts ändern, weil er dafür nicht zuständig ist. Er kann auch nichts dafür, daß es in Berlin oder sonstwo noch immer keine zentrale Mediathek gibt, die wesentliche Fernseh- und Hörfunkstücke in geordneter Form für interessierte Bürger und Forscher bereithält. Dafür sind andere zuständig, der Berliner Senat, die Landesmedienanstalten, der französische Mischkonzern Vivendi. Michael Naumann ist eher für zentrale kulturelle Einsichten gut, wie jetzt in einem Interview mit der Nachrichtenagentur ddp: "Die Öffentlich-Rechtlichen unterhalten zur Erfüllung ihres Auftrages ein weltweites Netzwerk von Korrespondenten. Ebenso bieten sie Featuresendungen über politische und kulturelle Themen an, die unter hohem finanziellen Aufwand entstehen. All dies leisten die privaten Anbieter nicht in gleichem Maße". Es ist beruhigend, dies aus dem Munde eines Staatsministers noch einmal so deutlich zu hören.

Was wollt ihr eigentlich alle von mir? Laßt mich ruhen!, sagt der Mann auf der Couch. Links unten am Bildrand liegt das Buch "Die Heimatlosigkeit der Macht" aus dem Alexander-Fest-Verlag, gerade publiziert von den Politikwissenschaftlern Franz Walter und Tobias Dürr. Untertitel: "Wie die Politik in Deutschland ihren Boden verlor". Michael Naumann, auch ein habilitierter Politologe, hat sich vorsichtshalber gleich hingelegt.

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