Kultur : Fessle mich!

Dichter und Künstler: Pierre Klossowski im Kölner Museum Ludwig

Oliver Tepel

Gefesselt am Barren wartet Roberte. Gleich fünf Variationen derselben Szenerie eröffnen die erste umfassende Präsentation der Kunst von Pierre Klossowski in Deutschland. Das Ensemble aus Farbstiftzeichnungen und Kunstharzplastiken zeigt, wie zwei Männer Roberte ans Turngerät binden. Der eine leckt ihre Handfläche, während der andere den Riemen um ein Fußgelenk legt. Kniend blickt er auf, aber das Gesicht der Frau bleibt ihm verborgen. Nur der Betrachter sieht ihre mal skeptische, mal teilnahmslos klare Miene. Man wird ihr noch öfter begegnen, jener Figur aus Klossowskis Romanen, geschaffen als Ebenbild seiner Ehefrau Denise.

Dass der Literat und Theoretiker zeichnete, blieb lange verborgen. Während sich sein Bruder Balthus in die erste Liga der Moderne malte, zog es Klossowski in das intellektuelle Paris der dreißiger Jahre. Er huldigte dort jener neuen Philosophie, die Nietzsche aufwertete, de Sade für sich entdeckte und den Weg zur Postmoderne vorbereitete. „Sade, mein Nächster“ heißt 1947 sein erstes Essay, das er später widerruft. Doch das schon im Titel fixierte Image überstrahlt fortan alle folgenden Schriften, darunter auch „Die lebende Münze“ von 1970, für Foucault das „größte Buch unserer Epoche“.

Als Romancier (etwa in „Die Gesetze der Gastfreundschaft“ oder „Der Baphomet“) verknüpfte Klossowski szenische Darstellung und theoretische Argumentation. Er selbst beschrieb sich als „Dramatiker“, dessen Inszenierungen komplexe Vexierbilder entwerfen. Die Überführung dieser Strategie ins Zeichnerische erscheint da naheliegend. Aus den ersten Buchillustrationen Anfang der Fünfziger erwächst ein eigenständiges Œuvre. Über die Jahre entwickelt Klossowski einen eigenen Stil, der ungelenke Linienführung und den Verzicht auf perspektivische Akkuratesse stetig verfeinert. Bald zieht der Künstler die Linien geometrischer Gegenstände hart mit dem Lineal, während seine Schraffur das Durcheinander aufgewirbelten Strohs nachahmt. In blassen Farben erhellt diese Zeichensprache ihre Inhalte.

Das Obsessive in den wiederholten Motiven, insbesondere dem der omnipräsenten Roberte, verstellt den Blick auf die Funktion von Klossowskis Kunst als „szenische Tableaus“. Sie verhandeln die Rollen von Subjekt und Objekt und fragen nach dem einer jeden Figur innewohnenden Wert. Deutlich wird das in den Variationen bestimmter Themen: In einer Plastik von 1990 offeriert Klossowski eine weitere Version der schon zu Beginn der Fünfziger gezeichneten Geschichte von Diana und Aktaion. Der noch nicht gänzlich zum Hirschen mutierte Jägergott ergreift Diana, die ihn aus Zorn verwandelte. Sein einstiger Jagdhund schnappt aber nicht nach dem Hirschkörper, sondern beleckt die Schenkel der Göttin. Dianas freie Hand formt dazu mit Zeigefinger und Daumen jene legendäre Geste aus dem Bade-Bild der Schule von Fontainebleau. Ihre Mimik verrät wenig. So bleiben Jäger und Gejagte im Wechsel nie ganz zu klärender Rollen verschlungen. In einem anderen Werk lauscht ein zwergengroßer de Sade der nackt aus ihrem Buch vorlesenden Juliette.

Die mythischen oder historischen Figuren verlassen ihre stereotypen Erscheinungen und die ihnen zugeschriebenen Rollen, erscheinen plötzlich ungeklärt, leben sie doch im Betrachter fort. Darin liegt die Brisanz der Verwandlungen in Klossowskis Bildern. Dank der spröden Schönheit bewahren diese Werke trotz aller Komplexität ihre Zugänglichkeit. So mag auch ein schwärmerischer oder einfach nur neugieriger Gang durch die grau bespannten Räume Gewinn bringen.

Neben Werken des Künstlers zeigt die Ausstellung auch Fotos von den Arbeiten an Pierre Zuccas Filmen mit Klossowski und seiner Frau. Anhand dieser Bilder beschreibt die Kunstkritikerin und Autorin Catherine Millet („Das sexuelle Leben der Catherine M.“) in ihrem Katalogtext jene durchlässigen Grenzen zwischen Realität und Fiktion, an denen Klossowski arbeitete. Immer wieder spielte er die Begriffspaare wie Aktiv und Passiv, Opfer und Täter gegeneinander aus. So fällt der Blick beim Verlassen der Ausstellung nochmals auf die „Barren“-Plastiken. Da bemerkt man, wie sich unbeabsichtigt das Lederband um Robertes Handgelenk gelöst hat. Sie kann entkommen. Wohnt sie also lediglich einem selbstgewählten Spiel bei? Plötzlich scheint sie zu grinsen.

Museum Ludwig, Köln, bis 18. März, Katalog (Hatje Cantz) 39,80 Euro.

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