Festival am HAU : Heiner Müller - das Wappentier der Befreiung

Das Festival "Heiner Müller!" startet am HAU mit jeder Menge Gegenwart - läuft aber auch Gefahr, sich darin zu verlieren.

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In seinem letzten Jahr. Heiner Müller raucht eine Zigarre anno Juni 1995.
In seinem letzten Jahr. Heiner Müller raucht eine Zigarre anno Juni 1995.Foto: picture-alliance/ dpa

„Guten Tag, mein Name ist Müller“, meldet sich eine freundliche Stimme, sobald man im HAU 2 eines der zahlreichen Telefone ansteuert. Dann wird es unverzüglich profund. „Theater braucht Widersprüche!“, rauscht es da zum Beispiel durch die Leitung. Kaum hat man das Bonmot innerlich abgenickt, fordert einen „Herr Müller“ auf: „Stimmst du mir zu, dann wähl’ die Eins, stimmst du mir nicht zu, dann wähl’ die Null!“

Acht Stationen zur fernmündlichen Kontaktaufnahme mit dem dramatischen Propheten haben Till Müller-Klug und Nina Tecklenburg von der Truppe Interrobang im HAU-2-Foyer eingerichtet. „Die Müllermatrix“ ist eine von vier vorwiegend installativen Eröffnungsproduktionen des Festivals „Heiner Müller!“, das nach „heutigen Zugriffen“ auf die Texte des 1995 verstorbenen Autors fragt – und mit vier (!) Eröffnungsreden geradezu staatstragend eingeläutet wird.

Als Erste erklärt HAU-Intendantin Annemie Vanackere den Dramatiker beziehungsweise dessen Gedankengut für untot; als Letzter erläutert ein guter Bekannter – Hans-Jürgen Syberberg – seine Installation: die individuell begehbare Materialsammlung „Für Heiner Müller“ auf der Bühne des HAU 1, die Müllers Stück „Die Umsiedlerin“ über die Konsequenzen der Bodenreform in der DDR mit der Geschichte von Syberbergs (elterlichem) Gut in Nossendorf kurzschließt und darüber hinaus einfach mehrere interessante Zeitdokumente präsentiert.

Das Ausrufezeichen ist Programm

„Heiner Müller!“ – das Ausrufezeichen ist natürlich Programm. Auch reichliche zwanzig Jahre nach seinem Tod, so die begründete Vermutung der Kuratorinnen Aenne Quinones und Anja Quickert, wird Müller uns einiges (tendenziell Unbequemes) über unsere Gegenwart mitzuteilen haben. In Interrobangs Callcenter, dieser ebenso aufwendigen wie gelungenen O-Ton-Montage des umfangreichen Müller-Audiomaterials, darf man sich sogleich bestätigt fühlen: Drückt man beispielsweise die Telefon-Auswahltaste zwei und entscheidet sich damit für den Themenschwerpunkt „Festung Europa“, erfährt man von „Herrn Müller“ erwartungsgemäß, „dass die, auf deren Kosten man lebt, dem nicht ewig zusehen werden“. Oder man hört: „Was heute passiert, ist die totale Besetzung mit Gegenwart.“ Eine Diagnose, die gleichzeitig als Festivalmotto gilt – und dabei ungewollt auch die schwierige Gratwanderung des einwöchigen HAU-Programms benennt.

Sich verlieren in der totalen Gegenwart

Denn einerseits ist es ja mehr als begrüßenswert, Müller statt durch die Regiebrille ewig vorgestriger (und seiner Meinung nach sowieso falsch verstandener) Retro-Inszenierungen durch die eher „performative“ Optik einer jüngeren Künstlergeneration zu betrachten. Andererseits zeigte sich aber am Eröffnungsabend, wie schnell die kleinteiligen Formate selbst Gefahr laufen, sich in dieser von Müller prophezeiten totalen Gegenwart zu verlieren; wie sie quasi auf der Müller’schen Bonmot-Oberfläche von Statement zu Pointe surfen und in alter Uniseminar-Tradition dessen „Arbeit an der Differenz“ proklamieren, dabei selbst allerdings eher im akademischen Plauderton der Indifferenz verhaftet bleiben: Durchaus intelligent – da legt der Stichwortgeber die Messlatte ja einfach schon mal erfreulich hoch –, aber ohne nennenswerten Mehrwert. Zentrales Beispiel: der Haupt-Act des Abends, das 45-minütige „Lecture-Konzert“ der Gruppe andcompany&Co. zum Mensch-Maschine-Sujet mit dem Titel „2045: Müller in Metropolis“.

Wie hatte einem „Herr Müller“ zu Beginn des Abends im HAU 2 doch gleich in den Block diktiert? „Meine Texte müssen umgewälzt werden. Das Wappentier der Befreiung ist der Maulwurf.“ In diesem Sinne: Auf die Wühler und Gräber der kommenden Festivaltage, die noch zentrale Texte wie „Herakles 2 oder die Hydra“ umzuwälzen sowie „Müller-Interview-Marathons“ oder „Tischgespräche“ zu beackern haben!
HAU 1–3, bis 12. März, Programm unter www.hebbel-am-ufer.de

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