Festival : Blumen im Verborgenen

Zum Abschluss des zehnten Ultraschall-Festivals.

Ulrich Pollmann

Klangpartikel pumpen sich mit Energie auf, wachsen, platzen schließlich in den Raum, kommen langsam zur Ruhe. „Fluxus ac refluxus“ nennt die junge Japanerin Malika Kishino ihr Orchesterstück, für das einige der Musiker des DSO statt vom Podium von verschiedenen Raum positionen aus spielen. Das organische Pulsieren dieser Musik gewinnt so ungemein an Plastizität. Und noch ein weiteres Stück aus dem Abschlusskonzert des Ultraschall-Festivals bleibt in Erinnerung: „Aksaks“ des Argentiniers Fabian Panisello entwickelt fünf Sätze aus scheinbar symmetrischen Zeitstrukturen, vertraut aber nicht nur der rein mathematischen Konstruktion, sondern stützt diese auf äußerst geschlossene Gestaltbildung, ganz gegensätzlich aus geprägt in jedem der Stücke.

Das zwischen diesen Werken ein gänzlich unmotiviertes Flötenkonzert von Kaija Saariaho, ein Stück Konfektionsware Neuer Musik ohne Ecken und Kanten gegeben wurde, verzeiht man gerne, dieses Konzert im großen Sendesaal des RBB war im Ganzen ein schöner Abschluss für dieses Festival, das zum zehnjährigen Jubiläum ohne deutliche Schwerpunkte auskam und fraglos eine gewisse Ratlosigkeit ausstrahlte.

Zu Beginn würdigte man Komponisten der DDR, was erwartungsgemäß nichts Neues zutage förderte. Allerdings gönnt man den nach der Wende im gesamtdeutschen Kulturbetrieb wenig präsenten Komponisten durchweg diese späte Präsentation, zumal noch einmal deutlich wurde: In Ostdeutschland entstand zwischen den westlichen, abstrakt-avantgardistischen Einflüssen und dem unüberhörbaren Willen zu emotionaler Zugänglichkeit ein durchaus eigenständiger Stil.

Ein unerklärter, aber erfreulicher Schwerpunkt des Festivals war Enno Poppe. Der Berliner Komponist, im Programmheft etwas backenblasend als bedeutendster seiner Generation gefeiert, glänzte mit dem Ensemble Musikfabrik zunächst als Dirigent von zupackender Ausstrahlung. Überzeugen konnten aber auch seine Stücke „Scherben“ und „Tonband“. Poppe neigt noch sehr zum Tumultuösen, seine Werke gleichen oft einem außer Kontrolle geratenen Klangfeuerwerk. Man wünscht ihm gelegentlich ein Innehalten, ein Zu-sich-Kommen. Faszinierend allerdings, wie er in dem mit „Tonband“ lakonisch betitelten Werk, eine Gemeinschaftsproduktion mit Wolfgang Heiniger, zwei Schlag zeuger und zwei Keyboardspieler mittels komplexer Computerprogramme mit einander verzahnt, die Schlagzeugklänge auf dem Umweg über die Elektronik sich selbst spiegeln, kommentieren, unter laufen oder überfluten lässt. Poppe hat großes Interesse und viel Talent für derartige Formen der Live-Elektronik. Man darf gespannt auf weitere Werke dieser Art sein.

Überraschend traditionell allerdings sein Orchesterwerk „Altbau“ im ersten der zwei Konzerte des DSO: Tonale Elemente, an Mahler oder Strawinsky erinnernd, verwebt Poppe hier in durchweg eigenständiger Weise – ein Altbau mit neuen Nutzungskonzepten gewisser maßen. Altbackenes gab es hingegen im enttäuschenden Gemeinschaftsauftritt des Berliner Ensemble Mosaik und dem Ensemble Nikel aus Tel Aviv zu hören. Das Konzert – es wird demnächst in Tel Aviv wiederholt – schwächelte schon im ersten Teil mit Werken von Odeh-Tamimi und Czernowin, die in allzu schlichter Weise auf banale Affekte ausgelegt waren. Die 40-minütige Uraufführung „How fragile we are“ von Helmut Oehring zeigte dann die Musiker in gänzlich belanglosen Monologen über ihren Werdegang, unterbrochen von anspruchslosen Musikzwischenspielen, die die Interpreten als Improvisation locker besser hätten hinlegen können. Oehrings im Programmheft nachzulesendes Eingeständnis, er sei an Komposition eigentlich nicht so interessiert, ehrt ihn, aber dieses Stück bei Ultraschall uraufzuführen, scheint nicht wirklich zwingend.

Bescheidener in der Konzeption, aber sehr reizvoll geriet dagegen der Sonnabend in den Sophiensälen. „Meet the Artist“ nannte sich die Reihe von sechs Konzerten mit anschließender Gesprächsmöglichkeit. Ein Soloauftritt eines Akkordeonisten wie Janne Rättyä mit Werken beispielsweise von Berio oder Iris Ter Schiphorst hat eben eine Direktheit, eine Intensität und Intimität, die groß besetzten Konzerten oft abgeht.

Das Klavier-Rezital von Terhi Jääskeläinen war allerdings nur für Freunde endloser Klaviertriller goutierbar. Die junge Finnin, so ahnte man, hat hier offensichtlich eine bedenkliche Obsession, die sie schließlich in ihrer Zugabe vollends auf die Spitze trieb. Wunderbar hingegen das vierköpfige Sheridan Ensemble mit zwei ganz unterschiedlich interpretierten Versionen von Bruno Madernas „Serenata per un satellite“. In Zeiten konzeptueller Ratlosigkeit wachsen die schönsten Blumen oft im Verborgenen.

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