Festival : Ein Quantum Ernst

Balzen und ballern: Der Tänzer und Choreograph Nasser Martin-Gousset eröffnet mit seinem Ensemble die „Movimentos“-Festwochen in Wolfsburg und verdreht dabei einem Geheimagenten als Femme Fatale den Kopf.

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Keine Sorge. Das ist kein Erschießungskommando. Es sind nur die Tänzer der Nasser Martin-Gousset Compagnie bei der Aufführung von "Pacifique".
Keine Sorge. Das ist kein Erschießungskommando. Es sind nur die Tänzer der Nasser Martin-Gousset Compagnie bei der Aufführung von...Foto: dapd

Aalglatte Typen sind es, die sich zu Beginn von „Pacifique“ zum Gruppenbild mit Damen arrangieren. So glatt, dass sie abrutschen. Einer der Anzugträger gleitet auf dem Hosenboden die Schräge herunter. Ein Girl saust hinterher, flugs sind alle Topagenten ganz unten angelangt.

Nasser Martin-Gousset, der mit „Pacifique“ die „Movimentos“-Festwochen in der Wolfsburger Autostadt eröffnete, hat lustvoll den kinematographischen Fundus geplündert. Der französische Choreograf und Cineast zerlegt die Action- und Agenten-Thriller vor allem der siebziger Jahre in ihre Elemente. Es ist ein augenzwinkerndes Spiel mit den Referenzen. Die 13 Tänzer balzen und ballern zu einer Collage aus Filmdialogen und grellen Soundtracks. Schon die anfängliche Rutschpartie der Superspione verrät, dass es den Leinwandhelden in „Pacifique“ an den Kragen geht. Auch die Zuschauer werden genüsslich aufs Glatteis geführt.

Die präzise komponierten Gruppentableaux, zu denen er die verschworene Bruderschaft arrangiert, lassen unterschiedliche Assoziationen zu. Ob er nun Abendmahl-Darstellungen der Kunstgeschichte zitiert oder die blasierten Beaus der Anzeigenfotos von Dolce und Gabbana – der Choreograf besitzt ein ikonografisches Gespür. Wenn die acht Männer in grauen Anzügen sich um einen Tisch drängen, als ob sie die Geschicke der Welt bestimmten, dann fängt Martin-Gousset in den Haltungen sehr plastisch die Arroganz der Macht ein. Die Gesten greifen so minutiös ineinander, dass deutlich wird: Auch der aufgeblasene Einzelne ist nur ein Rädchen im Getriebe. Die Agenten des Kapitals ziehen sich dann buchstäblich über den Tisch – Kurt Joos Anti- Kriegs-Ballett „Der grüne Tisch“ von 1932 stand hier offenkundig Pate.

Nach starken Anfangsszenen hängt der Spannungsbogen etwas durch – bis dann die Frauen (die echten und eine falsche) stärker ins Spiel kommen. Martin-Gousset selbst verdreht als blonde Femme Fatale einem Geheimagenten den Kopf, der sich mit einem weißen Dinnerjacket getarnt hat. Wenn die Doppelspionin am Ende wild um sich ballert, mutet das fast wie „Pulp Fiction“ auf der Bühne an. Ein Exzess an sinnloser Gewalt – und dabei komisch.

Der Franzose hält es dann aber mit der Bond-Losung „Stirb an einem anderen Tag“. Nach dem Showdown wiegt er seine Figuren in Sicherheit: In „Pacifique“ klingt der Pazifik an, und so finden die Tänzer sich in Badekleidung in einer friedlichen Strandidylle mit Tahiti-Klängen wieder. Bis zum nächsten Abenteuer.

Der mit der Wumme tanzt: Nasser Martin-Gousset hat mit seinem durchschlagenden Witz das Publikum gehörig irritiert. Doch es ist toll, wie selbst im überdrehten Klamauk noch ein Quantum Ernst aufblitzt.

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