Festival in Avignon : Geisterstunde im Papstpalast

Das 67. Festival von Avignon beschwört seine eigenen Sternstunden und tanzt afrikanische Totentänze. Eine Bilanz.

Eberhard Spreng
Jenseitsfeuer. „Au-delà“, ein Tanzstück des Kongolesen Delavallet Bidiefono.
Jenseitsfeuer. „Au-delà“, ein Tanzstück des Kongolesen Delavallet Bidiefono.Foto: AFP

Ein paar Tage noch, dann nimmt das jetzige Leitungsduo des Festivals in Avignon seinen Abschied. Vincent Baudriller und Hortense Archambault werden nächstes Jahr von Olivier Py abgelöst, eine Besetzungsposse noch aus der alten Kulturverwaltung: Py wurde das Pariser Odéon „weggenommen“, damit Luc Bondy es übernehmen kann, während dem bisherigen Odéon-Chef Avignon zugesprochen wurde – was mehr als ein Trostpflaster ist, denn da wollte Py immer schon hin.

Aber auch die neue Kulturverwaltung unter der sozialistischen Ministerin Aurélie Filippetti sorgt für Schlagzeilen, will sie doch an Frankreichs Bühnen eine 50-prozentige Frauenquote in den Chefetagen durchsetzen und die alten Hasen verjagen. In den Theatern von Nizza, Montpellier und Nanterre bei Paris herrscht deshalb derzeit dicke Luft. „Man muss lernen, seinen Platz zu räumen,“ mahnt Regiemeister Patrice Chéreau in „Le Monde“ – die Kulturministerin wird es mit Freude gelesen haben.

Einer, der es bitter bereut, seinen Platz geräumt zu haben, steht verloren im Staub eines stillgelegten Steinbruchs und vernimmt böse Kunde. Es ist Lear, der sich immer wieder den Kopfhörer wegreißt, über den er vernehmen muss, wie sehr seine geliebten Töchter Goneril und Regan ihn jetzt verachten. Lear auf der steinigen Heide, allein mit seinem Narr und dem armen Tom, nicht in Gewitter und Sturm, sondern unterm Sternenhimmel der Provence, drei Schauspieler, gut eineinhalb Stunden – so einen Lear gab es noch nicht. Ludovic Lagarde nimmt die zentrale Shakespeare-Szene und macht ein Stück daraus, was gut und schön wäre, wenn die Titelfigur mehr als miese Laune und diffuse Traurigkeit vorzeigte. Ein alter, bei Unterschlagungen erwischter Buchhalter, so tapert Johan Leysen über die gewaltige Bühne. Tragisch ist das nicht, nicht mal eine Selbstabrechnung. Für diesen Lear gibt es keinen Tod im Gram, keine Erlösung aus dem Hier und Jetzt.

Das Theater, diese ephemere Kunst, kann nicht einmal sterben, wenn es vorbei ist. Es lebt weiter als Erinnerung des Publikums. Jérôme Bel hat 14 Stühle im Halbkreis auf die große Bühne des Papstpalasts gestellt, für 14 Menschen in Alltagskleidung. Sie schauen die 2000 Zuschauer an und schweigen. Hat einer was zu sagen?

In Europa ist der Tod ein netter Onkel, in Afrika ein ständiges Vibrieren, ein Zucken der Nerven

Dann tritt die erste Person ans Mikrofon und schildert ihr erstes Erlebnis einer Aufführung im Papstpalast. „Cour d’Honneur“ ist eine Hommage an einen einmaligen Theaterraum, an die Geister des Orts. Reihum geht es vom Banalen, Anekdotischen bis zu den Highlights der Festivalgeschichte, etwa dem „Seidenen Schuh“, 1987 von Antoine Vitez inszeniert. An einen Applaus ohne Ende erinnert sich ein älterer Herr, an einen Moment der Fusion von Schauspielern und Publikum nach einer durchspielten Nacht. Da ist die Frau aus der Provinz, die einmal eine zarte Antigone erlebte, die sich unter Einsatz des Lebens gegen die Willkür der Macht stellt und die zu ihrer spirituellen Freundin und Begleiterin wurde. Und ein skeptischer junger Mann war mit der Hochkultur erst versöhnt, als Thomas Ostermeier in „Woyzeck“ französische Rapper auftreten ließ.

Jérôme Bel hat auch einige Akteure gebeten, jeweils kurze Soli aus Theater- und Tanzaufführungen zu zeigen: Vergegenwärtigung statt blasser Erinnerung – die Perspektiven der Wahrnehmung verschieben sich kontinuierlich. Am Ende der dann doch etwas gefälligen Hommage bleibt die schlichte, alte Weisheit: Wenn es eine geheime Energie gibt, die das Theater erst ermöglicht, dann ist es die unbedingte Liebe der Zuschauer.

In Europa ist der Tod ein netter Onkel, in Afrika ein ständiges Vibrieren, ein Zucken der Nerven und Muskeln. So zumindest zeigen es der Kongolese Delavallet Bidiefono und dessen Ensemble, das zum elektrisierenden Puls von Bass und Schlagzeug einen wuchtigen Auftritt hinlegt. In „Au-Delà“ (Jenseits) regiert der Tod mit uneingeschränkter Machtfülle, die Menschen können ihm nur ein „Bla bla, Blablabla“ entgegenhalten, den hilflosen Singsang wetteifernder Politiker. Dann ein Bündel lebloser Körper, ein Tänzer hebt Gliedmaßen an, lässt sie wieder fallen, grinst mit breitem Kiefer. Aber auch er bleibt vom Theaterblut nicht verschont, sinkt in Agonie. Hat in diesem Danse Macabre, in dieser großartigen Abrechnung mit der Gegenwart des Kongo, nicht einmal der Tod Anspruch auf das ewige Leben?

Ständig wird beim Afrika-Schwerpunkt dieses 67. Festivals, das am Freitag zu Ende geht, die Vergangenheit befragt. Anrufung der Verstorbenen, zum Beispiel in Qudus Onikekus „Qaddish“. Der nigerianische Choreograf befasst sich mit seinem toten, noch in der Kultur der Yoruba verwurzelten Vater ebenso wie mit jüdischen Traditionen. Das rituelle Tanzsolo gipfelt in einem Pas de Deux mit elektrisch betriebenem Rollstuhl, der sich lautlos bewegt, wie beseelt provoziert er den Tänzer, bedrängt ihn, gibt keine Ruhe. Der Stuhl als Insignie der Macht: Nie sah man auf der Bühne eine schönere Kommunikation mit einem Geist, eine humorvollere Hommage an die Lebendigkeit der Vergangenheit. Enttäuschend bei diesem Festivalschwerpunkt geriet eigentlich nur Faustin Linyekulas, „Drums and Digging“ ausgerechnet jene Produktion, die auch der Tanz im August in Berlin präsentiert.

In Avignon sprach Kulturministerin Filippetti auffallend oft von Innovation und Erneuerung – den alten Kampfbegriffen der Moderne. Längst sind sie zu Schlachtlosungen der neoliberalen Weltrevolution avanciert. Ausgerechnet dieses letzte Festival von Baudriller und Archambault widerlegt nun noch einmal die Brauchbarkeit der Formeln für die Theaterkultur. Zehn Jahre war das Duo an der Macht, schön war’s. Patrice Chéreau würde sagen: Es reicht.

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