Festival : Leidenshort Familie

Ein Festival zum Thema Familie im Hebbel am Ufer: In Vorträgen, Filmen, Inszenierungen widmet sich das Festival noch bis zum 20. Juni dem Schicksal von Leihmüttern, Altenpflegern aus Osteuropa und ungewöhnlichen Patchwork-Familien.

Andreas Schäfer

Größer könnte der Unterschied kaum sein: Hier die charmante Pantomime von musischen Mittelschichtsfamilien, die sich augenzwinkernd über Tischsitten, Mutter-Tochter-Rivalitäten und das Aufbegehren pubertierender Kinder lustig macht. Dort das Drama von Enrique, einem 16-jährigen Jungen aus Honduras. Als er fünf war, ging seine Mutter in die USA, um Geld zu verdienen, und jetzt, elf Jahre später, macht sich der Junge, der die Mutter praktisch nur vom Telefon kennt, auf die Suche nach der Verschollenen. Ohne Geld, nur einen Zettel mit einer Telefonnummer in der Tasche.

Als die Pulitzer-Preisträgerin Sonia Nazario zu Beginn des Familien-Festivals „Your nanny hates you“ im Hebbel am Ufer von Enriques Martyrium erzählt, einer Monate dauernden Reise durch Mexiko, auf dem siedend heißen Dach eines Bummelzuges, mehrmals überfallen, misshandelt und beraubt von Räuberbanden, zittert ihre Stimme ob der Qualen, die Enrique und die anderen illegal reisenden Kinder erdulden müssen.

48 000 Kinder, erzählt Nazario, machen sich jährlich aus Mittelamerika allein auf die Reise, um ihre Mütter in den USA zu suchen, die dort als Putzfrauen arbeiten – oder als Nannys. Viele Kinder werden zig Male von den Grenzposten zurückgeschickt, versuchen es erneut und lassen von ihrem Vorhaben erst ab, wenn sie auf den „Zügen des Todes“ Arme oder Beine verloren haben.

Es heißt, die Kraft der Bindung vom Kind zu seinem Eltern wird nur noch übertroffen von der Verbundenheit zwischen Mann und Frau – deren Intensität möglicherweise nur so stark ist, um die Bildung neuer Familien zu gewährleisten. Die Familie ist ein Hort des Glücks und Keimzelle der Gesellschaft, heißt es. Seit der Antike aber auch Quelle ungeheuerlicher Kettenreaktionen von Leid und Zerstörung. Dass in der Familie auch die Ökonomie eine Rolle spielte, verrät schon das Wort „Haushalt“. Inzwischen lässt sich ein neues Phänomen beobachten: die Herausbildung einer globalisierten Dienstbotengesellschaft. Damit in reichen Ländern beide Elternteile arbeiten können, muss die Pflege der Kinder (und der Alten) delegiert werden.

Das reißt umgekehrt Familien in armen Ländern auseinander. In den besseren Kreisen Mexikos zum Beispiel sind, wie es der Dokumentarfilm „Loteria“ von Janina Möbius zeigt, gerade Mädchen als Nannys begehrt, die selbst schon Kinder haben und also „Mütterlichkeit“ entwickeln konnten. In Vorträgen, Filmen, Inszenierungen widmet sich das Festival noch bis zum 20. Juni dem Schicksal von Leihmüttern, Altenpflegern aus Osteuropa und ungewöhnlichen Patchwork-Familien und erzählt zwischendurch auch semidokumentarische Geschichten von der romantischen Künstlerkleinfamilie wie in „Mütter, Väter, Kinder“ von Sebastian Nübling.

Bis 20. Juni (www.hebbel-am-ufer.de)

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