Festival : Sabrina und andere Sexhöllen

Liebe, Hiebe, Hinterteile: Dave St. Pierre beschließt die 20. Ausgabe des Berliner Festivals „Tanz im August“ mit dem längsten Blondinenwitz, den man je in der Volksbühne erlebt hat.

Sandra Luzina
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Ein bisschen Zärtlichkeit. In Dave St. Pierres Tanzlabor. -Foto: Hau

Das war wohl der längste Blondinenwitz, den man je in der Volksbühne erlebt hat. Die sieben nackten Blondies, die zuerst neckisch über die Bühne tollen und dann ins Parkett stürmen, sind allesamt Männer – und die machen als Damendarstellerinnen nun mal eine ulkige Figur. Das neue Stück von Dave St. Pierre „Un peu de tendresse bordel de merde!“ („Ein bisschen Zärtlichkeit, verdammt noch mal!) versprach wieder viel nackte Haut zu zeigen; dem kanadischen Enfant terrible macht es aber offenbar Spaß, die Erwartungen des Publikums zu kitzeln, um sie dann zu enttäuschen. Sehr routiniert führt das Hostess Sabrina vor, die mit Domina-Strenge durch den Abend geleitet.

Sabrina ist eine Verkörperung des Sexualzynismus, gegen den Dave St. Pierre in diesem Stück zu Felde zieht. Vorher darf Sabrina sich mit entblößtem Po an einer Sahnetorte vergehen und ins Publikum fragen: Wer möchte die Kirsche? Solche burlesken Nummern können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es um die Erziehung geht – der Männer. Die lassen sich anfangs kein bisschen erweichen von dem Locken und Flennen der liebeskranken Frauen. Also müssen sie später einer nach dem anderen einer Somnambulen in weißem Kleid einen zärtlichen Kuss geben. Na, geht doch, Jungs! Um seine Liebesbotschaft an den Mann zu bringen, greift Dave St. Pierre zu drastischen Mitteln. Sein Stück wirkt unfertig und reichlich selbstgefällig in seinen vermeintlichen Provokationen. Im Schlussbild sind alle nackt und rutschen mit kindlicher Lust durchs Wasser. Ein jähes Aufbäumen der Körper – am Ende sieht man lauter Paare, die friedvoll beieinander liegen. Endlich erlöst aus Sabrinas Single-Sexhölle!

Liebe und Hiebe gab’s reichlich bei der Jubiläumsausgabe von „Tanz im August“. Vor den jungen Wilden aus Kanada waren schon die fabelhaften Tänzer des Dresden-Semper-Oper-Balletts enthusiastisch vom Berliner Publikum gefeiert worden. Eine Ballettcompagnie beim „Tanz im August“ – bei der Gründung des Festivals vor 20 Jahren wäre das noch undenkbar gewesen, denn hier ging es darum, eine Lanze für den zeitgenössischen Tanz zu brechen. Heute – so könnte das Fazit von zwei Jahrzehnten Tanz im August lauten – lösen sich die Grenzen zwischen den künstlerischen Lagern auf. Die Choreografen bewegen sich geschmeidig zwischen den Stilen und – wie etwa der gefeierte Akram Khan – zwischen den Kulturen.

Freilich gab es auch Produktionen, die noch das letzte Tabu brechen wollten, so etwa der Tanz mit gläsernen Dildos in „Paquerette“ – ein Versuch, das Hinterteil künstlerisch zu rehabilitieren.

Viel revolutionärer war da der winkende Daumen bei Trisha Brown. Die Altmeisterin, eine Ikone des Postmodern Dance, sorgte für die bewegendsten Momente dieses Festival. Die kleine Werkschau versammelte fünf Choreografien aus mehr als 30 Jahren. Den Anfang machte das berühmte Solo „Accumulation“ aus dem Jahr 1971 zu Musik von den Grateful Dead. Die Tänzerin Tamara Riewe trägt dieselbe rosa Hippie-Hose mit dem Loch, die bei der Uraufführung zum Einsatz kam. Der Tanz beginnt mit einer Rotation der rechten Faust – mit ausgestreckten Daumen. Es wird jeweils eine Bewegung addiert und die Sequenz wiederholt, bis eine reiche Phrase entsteht. „Accumulation“ wirkt heute noch so frisch wie in den Siebzigern, wie auch „Spanish Dance“, das Brown zu Bob Dylans Version von „In the early morning rain“ choreografiert. Fünf Frauen stehen aufgereiht an der Rampe, die letzte hebt den Arm zu einer spanisch anmutenden Geste und bewegt sich hüftschwingend vorwärts, bis sie den Rücken der Tänzerin vor ihr berührt. Diese greift die Bewegungen auf, verbindet sich mit dem, was sie nicht sehen, sondern nur spüren kann. Gemeinsam schwingen sie weiter, bis am Ende alle fünf zu einem Kollektiv verschmolzen sind. Das ist nicht nur witzig, sondern atmet auch eine Zärtlichkeit, um die kein Aufhebens gemacht werden muss. „Present Tense“ von 2003 mit seinen vertrackten energetischen Körperskulpturen war der Höhepunkt des Abends. Mathematische Strukturen mit lässiger Sinnlichkeit zu verbinden, das ist die große Kunst von Trisha Brown.

Mit diesem Festival der Extreme verabschiedet sich Bettina Masuch, Dramaturgin des HAU, von Berlin. Sie übernimmt die künstlerische Leitung des Springdance Festivals in Utrecht. Masuch war oft mutig in ihrer Auswahl – sie verficht einen Tanz, der Kopf und Körper bewegt.

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