Festival : Vielstimmig im Haus der Kulturen der Welt

Das Haus der Kulturen der Welt in Berlin ist erfüllt von Stimmen. Man wandert durch die Geschosse, in Nischen, Rückwänden, auf freien Betonflächen sind die Gesichter projiziert, die zu den Sprechern gehören. Menschen aus dem Nahen Osten.

Rüdiger Schaper

Hala Al Abdallah ist Filmemacherin. Sie lebt in Paris und stammt aus Syrien. Sie spricht von der seltsamen Erstarrung in dem arabischen Land, von der mentalen Verhärtung, die das Regime in Jahrzehnten über die Menschen gebracht hat – in einem Land, das eine Jahrtausende alte, vielfältigste Kultur und Zivilisation besitzt. Davon sei heute kaum mehr etwas Lebendiges zu spüren.

Saadi Youssef ist ein Dichter aus dem Irak. Er verließ sein Land, als Saddam Hussein an die Macht kam. Nach vielen Stationen des Exils lebt er heute in London. Er spricht von der humanen Katastrophe im Irak nach dem Sturz des Diktators – und davon, dass er jetzt, nach über dreißig Jahren, wieder ein Buch in seiner Heimat veröffentlichen konnte.

Das Haus der Kulturen der Welt in Berlin ist erfüllt von Stimmen. Man wandert durch die Geschosse, in Nischen, Rückwänden, auf freien Betonflächen sind die Gesichter projiziert, die zu den Sprechern gehören. Menschen aus Arabien, aus dem Nahen Osten – wie der libanesische Performance-Künstler Rabih Mroué, der sich mit Selbstmordattentätern und ihren Hinterlassenschaften beschäftigt; wie die ägyptische Theaterwissenschaftlerin Safaa Fathy und die Literaturwissenschaftlerin Samia Mehrez von der Amerikanischen Universität Kairo. Ein Satz, der hängen bleibt: Die moderne ägyptische Gesellschaft wird amerikanischer und muslimischer zugleich.

Die Interviews hat Catherine David in diesem Herbst geführt, für die von ihr kuratierte Reihe „Di/Visions – Kultur und Politik im Nahen Osten“. Jeden Nachmittag erwachen die Gesichter und Stimmen in der früheren Kongresshalle zum Leben, sie grundieren das bis zum 13. Januar laufende Programm der „Di/Visions“.

Das inzwischen inflationär gebrauchte Wort Festival passt hier nicht. Und auch sonst zerfließen die Begrifflichkeiten – zwischen Journalismus und Kunst, Politik und Soziologie, Installation und Information. Aber während in den Bildenden Kunst der Diskurs oft nur noch um seiner selbst willen geführt und zum Design wird, geschieht hier etwas anderes: Man gerät in einen meditativen Raum, der sich fremden Lebenswelten öffnet.

Im Fernsehen stellt sich Nahost als kompaktes Gebilde dar; ein einziger Krisenherd. Catherine David setzt dem medialen Goliath ein vielfach gebrochenes Mosaik entgegen. Die Menschen auf den Projektionen reden nicht miteinander, sie sprechen zu den wenigen Besuchern, die sich an einem frühen Freitagabend hier hinsetzen und zuhören. Ein fernes Summen ist im Haus. Dunkel fließt die Spree, und im Kanzleramt nebenan brennt noch Licht. Rüdiger Schaper

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