Festivalauftakt : Europa, sprich

Die Konzertreihe Young Euro Classic eröffnet mit dem Orchestre Français des Jeunes in der Philharmonie.

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Ein junger Fagottist des französischen Jugendorchesters, das das Festival Young Euro Classic eröffnete.
Ein junger Fagottist des französischen Jugendorchesters, das das Festival Young Euro Classic eröffnete.Foto: MUTESOUVENIR | KAI BIENERT

Die Sonnenblumen sind in die Philharmonie umgezogen; das Markenzeichen von Young Euro Classic macht sich gut im Scharoun-Bau. Auch die Stimmung hat den renovierungsbedingten Umzug vom Konzerthaus unbeschadet überstanden, jene seit 15 Jahren bewährte Mischung aus Heiter und Hochkonzentriert, gefolgt von Begeisterungsstürmen.

Zwar fetzt es zum Start dieser Jubiläumsausgabe nicht ganz wie 2013, als das Jugendorchester der Universität Mexiko dem alten Europa mit einer ohrenbetäubenden Anrufung der Maya-Götter Beine machte. Aber auch das Orchestre Français des Jeunes zieht das Publikum gleich in Bann, mit einer Pianissimo-Attacke. Über einem Hauch von Schlagzeug erhebt sich die hypnotische Kantilene des Solo-Klarinettisten. Der Beginn von Sibelius’ 1. Sinfonie, ruhig, verführerisch – Europas bloßgelegte Seele. Ein Sehnsuchts- und Klagegesang, ein kontinentaler Ohrwurm. Zumal die Elegie, die dem Werk ihren Stempel aufdrückt, an Gelsominas Trompetenlied aus der „La Strada“-Filmmusik von Nino Rota gemahnt, hat man doch auch noch Ivan Fischers vertrackte Festivalhymne im Ohr. Die Blechbläser hatten sie eingangs mit fellineskem Schalk vorgetragen.

Chefdirigent Dennis Russell Davies animiert sein Orchester zu expressiver Klangrede, schlägt weite Bögen. Ein junges Orchester, das mit derart hoher Intensität und Eleganz die Spannung zu halten weiß, ist selten. Bei so viel Poesie, die sich immer wieder aus unerbittlichem Getümmel und gewaltigen Ausbrüchen herausretten muss, denkt man: Europa ist, wenn man einen langen Atem braucht.

Das Programm steht im Zeichen des Weltkriegsgedenkens

Zumal die Kriegs-Jubiläen 2014 Pate stehen für den Festivalauftakt. Als etwas andere Konzerteinführung hatten der große Franzose Alfred Grosser und Norbert Röttgen vom Auswärtigen Ausschuss über den Wandel der deutsch-französischen Erzfeindschaft zur Freundschaft diskutiert, und am Montag gastierte das All-Russian Youth Orchestra (Infos zum Programm bis 29. Juni: www. young-euro-classic.de).

Auch das Programm am Sonntag steht im Zeichen dieser Geschichte. Großartig, wie sich das Orchester im Konzert für die linke Hand, das Ravel für den im Ersten Weltkrieg versehrten Pianisten Paul Wittgenstein schrieb, nach dem von Kriegstrommeln grundierten Bolero-Scherzo in die somnambul verwirbelte Kadenz des Solisten Romain Descharmes hineinschleicht, um alle und alles in der Luft zu zerreißen. Ein wahnwitziger Totentanz, den Descharmes souverän bewältigt. Schön auch, wie der hohe Ton der Freiheit in Beethovens 3. Leonoren-Ouvertüre frei bleibt von klebrigem Pathos.

Womit wir bei Frank-Walter Steinmeier wären. Der Außenminister beschwört im Grußwort die abgegriffene Formel von der Völkerverständigung mittels Musik. Aber er tut es verschmitzt, indem er vom Neid auf die Instrumentenkästen spricht. Die jungen Musiker trügen so schöne Dinge wie Violinen oder Oboen herum, in seinem Instrumentenkasten befänden sich nur öde Sachen wie Reden, Depeschen, Sanktionen. Im Zweifel bringen sie Dissonanzen hervor – siehe Ukraine. Schon wahr, aber Sibelius, Ravel und Beethoven wussten es noch besser. Schönheit und Schrecken sind bei ihnen untrennbar miteinander verwoben.

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