Festivals : Plädoyer für den Ausnahmezustand

Ein utopischer Raum auf Zeit: Unsere Festivals brauchen mehr Mut und Geduld.

Matthias von Hartz

Zum Zauber des Theaters gehört, dass es oft unverhältnismäßig ist. Menschen, Ideen, Technik und Emotionen werden mit großem Einsatz in Bewegung gesetzt, damit auf der Bühne kurze Momente der Wahrheit oder der Poesie entstehen – vergängliche Momente, die hoffentlich in der Erinnerung der Zuschauer weiterleben. Die Steigerung dieser Unverhältnismäßigkeit sind Festivals. Noch mehr wird in noch kürzerer Zeit in Bewegung gesetzt, um für ein paar Wochen eigene kleine Welten zu schaffen, die dann – meist fast spurlos – verschwinden. Das ist schade und gleichzeitig wunderbar.

Festivals können eine Magie entfalten, welche für Institutionen, die dem saisonalen Alltag der Kunstpräsentation verpflichtet sind, nur schwer zu erreichen ist. Ganze Städte beziehen einen Teil ihrer Identität aus einigen Wochen Festspielaktivität. Festivals können durch ihre zeitliche Begrenztheit Energien bündeln, sie können thematische Positionen zusammenbringen, die weit voneinander entfernt entstanden sind. Festivals haben es schwerer, Kontinuitäten herzustellen und die Entwicklungen von Künstlern zu begleiten. Aber sie können für einen kurzen Zeitraum außergewöhnliche künstlerische Positionen sichtbar machen.

Jürgen Flimm, Intendant in Salzburg und demnächst an der Staatsoper Berlin, plädierte kürzlich (Tagesspiegel vom 2. August) für den Dialog zwischen Festivals und festen Häusern. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Festivals sind nicht nur Partner, sondern längst unverzichtbare Ergänzungen unserer deutschsprachigen Bühnenlandschaft, in der sie für das Internationale und Besondere zuständig sind.

Unsere Stadttheaterszene gehört einerseits zu den reichsten der Welt, andererseits verhält sie sich protektionistisch. Internationales hat es genauso schwer wie Künstler aus anderen Medien. Der Betrieb ist so hoch spezialisiert, dass er es besser als irgendwer sonst versteht, Dramentexte auf die Bühne zu bringen, aber alles andere kaum möglich ist. Spielräume für Experimente, langfristige Prozesse und spartenübergreifende Produktionen werden ausgelagert, in die Freie Szene und eben zu Festivals.

Festivals bekommen so eine zentrale Funktion für die ästhetische Entwicklung der darstellenden Kunst. Das ist eine interessante Aufgabe – und eine Überforderung. Nach wie vor sind wenige Musik- und Theaterfestivals zeitgenössisch ausgerichtet. Es überwiegt das kulinarische oder historische Angebot. Und nur wenige Festivals verfügen über eine so gesicherte öffentliche Finanzierung wie etablierte Theater, Konzertsäle und Museen. Sie bieten sich nachgerade dafür an, für Standortmarketing missbraucht zu werden. Sie bedürfen daher einer besonders wachen Fürsorge der Kulturpolitik.

Die großen deutschsprachigen Festivals sind zu einem nicht unerheblichen Teil der Aufführung von repräsentativen Arbeiten deutschsprachiger Künstler verpflichtet. Ästhetischen Fortschritt beispielsweise in den riesigen Hallen der Ruhrtriennale zu entwickeln, ist sicherlich auch eine sportliche Aufgabe. Dennoch hätte man sich gewünscht, dass wirklich mutige Ansätze wie theatrale Arbeiten bildender Künstler – zum Beispiel die von Christian Boltanski in der Kokerei Zollverein – nicht die Ausnahme bleiben. Festivals haben in den letzten Jahren viel geleistet: für die Kunst, die Künstler, aber auch für die Kommunen und nicht zuletzt für das Publikum.

Überregionale Anziehungspunkte sind neben den traditionellen großen Festivals vor allem solche geworden, die künstlerische Risiken eingegangen sind und ein spezifisches Programm entwickelt haben. Dazu braucht es mehr Geduld, als die meisten Verantwortlichen in der Politik haben, und mehr Mut, als die Programmmacher aufbringen können. Mut und Geduld wünscht man sich, damit nicht Auftrittsplattformen für Stars entstehen, sondern Festivals, die wirklich eine besondere Zeit für Kunst in der Stadt bedeuten.

Im europäischen Ausland lädt beispielsweise das holländische Utrecht neben dem international bekannten Springdance-Festival seit Jahren zu einem Festival für große, ortsspezifische Projekte, in der ganzen Stadt ein, die diese in einen Ausnahmezustand versetzen. Ein unrentables Geschäft, denn solche Projekte lassen sich anschließend schlecht an andere Orte verkaufen. Doch entsteht im Luxus dieser Beschränkung ein kreatives Umfeld für Künstler wie den jungen Dries Verhoeven, welche solche (Frei)Räume brauchen, und die nach Jahren der kontinuierlichen Arbeit in Utrecht dieses Jahr international Preise gewinnen.

Die jüngste große europäische Neugründung, das Manchester International Festival, produziert mit seinen 10 Millionen Pfund „18 extraordinary days of world premieres“. Der im Grunde nicht wirklich originelle, selbst auferlegte Uraufführungszwang führt doch zu überraschenden innovativen Kreationen. Dazu gehörten eine Operhausbespielung von Bildenden Künstlern und eine Oper der Popband Gorillas. Dieses Jahr realisierte der Turner-Preisträger Jeremy Deller eine künstlerische Prozession mit tausenden Einwohnern Manchesters, und spätestens bei dieser Verzauberung einer Hauptstraße wird klar, welchen Beitrag das Festival zur sozialen und ästhetischen Realität der Stadt leistet.

Interessanterweise wird etwas seltener, was doch die zeitliche Begrenztheit eines Festivals eigentlich nahe legt: die Bündelung verschiedener künstlerischer Perspektiven zu einem ästhetischen oder inhaltlichen Thema. Leitmotive heißen gerne Barock, Aufbruch oder Moderne, also möglichst vage und unverfänglich. Zumindest für einen Teil des Programms könnte man sich da schon mehr Ehrgeiz vorstellen. Eines der wenigen Festivals, die noch den Versuch einer Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen unternehmen, ist der Steirische Herbst in Graz. Diese 40-jährige Tradition als erklärtes Avantgarde-Festival ist einzigartig in Europa.

Das Internationale Sommerfestival Hamburg unternimmt seit letztem Jahr den Versuch im Festival als Fest für die Stadt neben relevanten ästhetischen auch Raum für gesellschaftliche Positionen zu schaffen. Wir treffen dabei auf eine Öffentlichkeit, die neben Gastspielen von Weltstars auch die künstlerische Auseinandersetzung mit aktueller politischer Realität schätzt. Wenn es gelingt, eine politische Kunstinstallation in der Handelskammer durchzusetzen und dort zum Publikumsmagneten zu machen, dann hat man das Gefühl, mit der Kunst an der richtigen Stelle der Stadt angekommen zu sein.

In Berlin besetzte die vorletzte Biennale die halbe Auguststraße als neben den Kunstwerken unterschiedlichste Gebäude der Straße in die Ausstellung integriert waren. Für eine Weile entstand ein utopischer Raum in der Stadt, in dem Künstler gleichzeitig Gäste und Gastgeber der Stadt wurden und Kunst das die Straße beherrschende Medium war. Diese Momente sind es, neben den Premieren von aufwendigen Großprojekten, in denen sich die Idee des Festivals einlöst. Dann erlebt man sowohl das Festival als Fest für die Stadt als auch als künstlerischen Raum in der Gesellschaft. In diesen Ausnahmemomenten ahnt man das Potenzial, das Kunst als gesellschaftliches Gestaltungsmoment haben kann. Und man wünscht sich, dass diese Zeit länger andauert. „Ferienkommunismus“ steht auf dem T-Shirt des Musikfestivals „Fusion“. Mit weniger kann man sich als Festivalmacher doch eigentlich nicht zufrieden geben.

Der Regisseur Matthias von Hartz ist Künstlerischer Leiter des Sommerfestivals Hamburg auf Kampnagel und leitet zusammen mit Tom Stromberg das Festival Impulse in Nordrhein-Westfalen.

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