Film-Reinfall : Süße Leslie

Scheinheilig aufklärerisch, schmierig sensationslüstern: "Gardens of the Night" im Berlinale-Wettbewerb.

Jan Schulz-Ojala
Gardens of the Night
Szene aus "Gardens of the Night". -Foto: Promo

Nur Puristen behaupten, es sei noch zu früh, aus dieser 58. Berlinale erste Lehren zu ziehen. Dabei steht zum Beispiel schon nach der Sichtung einiger ehrgeiziger Wettbewerbsfilme fest, dass Drehbücher umso schlechter werden, je länger an ihnen gearbeitet wird. Der Finne Petri Kotwica hat, wie hier gestern vermeldet, in vier kreativen Vorbereitungsjahren fast sein Privatleben über der Ehebrecher-Story „Musta jää“ ruiniert. Welche Dauerschäden aber mag erst die Biografie von Damian Harris genommen haben, der fast 20 Jahre auf das Drehbuch für die Kindesmissbrauchsgeschichte „Gardens of the Night“ verwendete?

Das Beste an der scheinheilig aufklärerischen, tatsächlich aber schmierig sensationslüsternen Story um zwei entführte, jahrelang gefangen gehaltene und als Sexsklaven missbrauchte Kinder ist – vielleicht, vielleicht – ein Zweifel: jener nämlich, der nun all jene beschleichen mag, die rattenscharf darauf sind, das Martyrium der Natascha Kampusch zu verfilmen. Denn Damian Harris verwendet die lange erste Hälfte seines Films darauf, in aller Ruhe den bösen, fremden Onkel (Tom Arnold) auf die süße, kleine Leslie (Ryan Simpkins) loszulassen und mit kaum verhülltem Voyeurismus die Stadien der kindlichen Willensbrechung zu inszenieren. Als müsste ein lüsternes Publikum erst von der Verwerflichkeit des Kindesmissbrauchs überzeugt werden – Schrecken und Tränen der kleinen Ryan inklusive, die schon eine begnadete Nachfahrin von Charlize Theron sein müsste, um aus diesen Dreharbeiten nicht ein mittleres Trauma davonzutragen.

Die zweite Hälfte des Films ist insofern erfreulicher, als hier jugendliche Schauspieler die erklärungslos frei gewordenen Leslie und Donnie (Evan Ross) verkörpern und nunmehr zwischen Straßenstrich und Crack-Wohnhöhlen herumtorkeln. Die hübsche Gillian Jacobs tut dies allerdings überwiegend im Stil einer verirrten Prom-Queen, während John Malkovich in einer kleinen Rolle als Sozialarbeiter wie ein fistelstimmiger Prediger agiert. Mit anderen Worten: „Gardens of the Night“, für den dieses Festival den roten Teppich ausrollt, ist ein B-Picture für ein C-Festival.

Heute 18.30 und 21 Uhr (Urania), 17. 2., 23 Uhr (Urania).

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