Kultur : Filmen ist ein Roulettespiel

Der Regisseur Roman Polanski (66) wird derzeit beim Münchner Filmfest mit einer Retrospektive geehrt. Sein neuester Film, bei dem Johnny Depp die Hauptrolle spielt, wurde vor wenigen Tagen fertiggestellt. Es ist Polanski erster Film nach fünf Jahren. Mit dem Regisseur sprach Julian Hanich.



Mr. Polanski, was bedeutet eine Ehrung wie diese beim Münchner Filmfest für Sie?



Ich bin verwirrt. Einerseits organisieren sie hier eine Retrospektive für mich. Andererseits hasse ich es, wenn Leute meine ersten Versuche an der Filmhochschule (von Lodz, Anm. d. Red.) sehen. Wenn ich die jetzt ansehe, versuche ich mich immer unter meinem Sitz zu verstecken.



Neben dem Kino haben Sie auch immer Theater gespielt und inszeniert.



Nach einem neuen Film ist das Theater wie eine Therapie. Filmemachen nimmt immer mehr Zeit in Anspruch. Als ich anfing, machten die Regisseure einen Film pro Jahr, heute nur alle drei Jahre einen Film. Beim Theater geschieht alles in wenigen Monaten, und die Hindernisse sind nicht so groß. Daher hat man mehr Freiheiten. Und die Leute, mit denen man zu tun hat, sind viel kultivierter, weniger business-like. Das Kino hat sich ja zu einem wahrhaften Roulette entwickelt: Die meisten Filme verlieren Geld, nur manche bringen ein Vermögen. Und die Haupttendenz im Kino ist heutzutage: Wie mache ich die große Kohle?



Aber es gibt immer wieder Keuschheitsversuche wie die DOGMA-Filme aus Dänemark.



Das ist der Kampf von denjenigen, die etwas Originelles machen wollen. Das hat es immer gegeben. Aber das kann man keine Tendenz nennen. Diese Leute gehören irgendwie zur Avantgarde, was ihre Ideen betrifft, aber nicht, was sie daraus machen. "Das Fest", zum Beispiel, hatte großartige Schauspieler, eine aufregende Geschichte. Aber warum die Leute mit einer wackelnden Kamera foltern? Man weiß nicht, ob der Kameramann mit der linken Hand die Kamera hält und mit der rechten masturbiert. Von Zeit zu Zeit schafft es einer dieser Filme zu einem Festival, die Presse schreibt darüber, sie gewinnen Preise. Aber wieviele Leute sehen diese Filme? Gott sei Dank gibt es Festivals, so daß man von Zeit zu Zeit feststellen kann, daß ein interessanter Film in Afrika oder Asien gemacht worden ist. Aber diese Filme werden nicht verliehen, weil heute alles eine Frage des Geldes ist.



Das klingt ein wenig, als beurteilten Sie Filme vor allem nach der Zuschauerzahl?



Wir machen Filme, damit Leute sie sehen. Können Sie sich einen Regisseur vorstellen, der seinen Film alleine ansieht? Film ist ein Mittel des Ausdrucks. Etwas ausdrücken, bedeutet auch, daß andere daran teilhaben. Der größte Schauspieler ist wertlos in einem leeren Theater.



Abseits des Ökonomischen: Wo sehen Sie wichtige ästhetische Tendenzen?



Ästhetik ist nicht das richtige Wort. "Das Leben ist schön" ist ästhetisch gesehen ein sehr schlechter Film. Er ist schlecht fotografiert, die Hauptdarstellerin ist nicht gut. Nichtsdestotrotz ist es ein wunderbarer Film. Für mich einer der interessantesten der letzten Jahre, denn er funktioniert nicht nur im Sinne der Unterhaltung, sondern auch philosophisch. Wie kann man da von Ästhetik reden?



George Lucas sagt voraus, daß das Kino im nächsten Jahrhundert von der Digitaltechnik bestimmt sein wird.



Das ist eine natürliche Entwicklung. Und ich hoffe, daß sie sehr schnell erfolgt. Wenn man überlegt, wie Filme gemacht werden: Noch immer gibt es Frames auf einem Filmstreifen, die auf seltsame Weise vor einer Linse vorbeilaufen. Das ist 19. Jahrhundert! Gleichzeitig gibt es einen digitalen Weg, Bilder einzufangen und zu reproduzieren, und die Leute besitzen Computer und Videokameras, die sich praktisch jeder leisten kann. Da stecken wir in der Vergangenheit.

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