Filmfest in Hof : Sex mit Plastiktüten, Gift in den Frikadellen

Bei den 46. Hofer Filmtagen handeln auffallend viele Beiträge von dysfunktionalen Familien und der NS-Vergangenheit.

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Innig. Hans-Michael Rehberg und Pheline Roggan in „Leg ihn um!“. Foto: Festival
Innig. Hans-Michael Rehberg und Pheline Roggan in „Leg ihn um!“. Foto: Festival

Die eigene Familie kann man sich nicht aussuchen. Man muss sie aushalten. In der Schwarzen Komödie „Leg ihn um!“ gibt es eine kurze, sehr lustige Szene, in der ein greiser todkranker Patriarch, gespielt von Hans-Michael Rehberg, die Lebensgefährtin seinen Sohnes kennenlernt. Genau gesagt ist es der Lebensgefährte, der sich als Frau verkleidet hat, eine Drag Queen in Transenfummel und High Heels. „Vater, das ist meine Freundin“, sagt der Sohn. Und Rehberg, das Vatermonster im Endstadium, richtet seinen an allerlei Kabel angeschlossenen Oberkörper im Krankenbett auf und entgegnet lachend: „Toll. Ich dachte schon, Du bist schwul.“

Tatsächlich: toll. Die Szene mündet nicht nur in einer schönen Pointe, in ihr steckt auch schon die ganze Abgründigkeit dieses Films, der zu den besten Beiträgen der am Sonntag zu Ende gegangenen 46. Hofer Filmtagen gehörte. Kaputte Familien sind ein Standardthema des deutschen Films, zuletzt erzählten Hans-Christian Schmid in „Was bleibt“ und Matthias Glasner in „Gnade“ mit tragischen Untertönen vom familiären Zusammensein. „Leg ihn um!“ geht die Sache radikaler an: als trashige Kriminalklamotte. Der moribunde Alte stellt seinen vier erwachsenen Kinder, die er allesamt für „Pack“ und „Versager“ hält, ein Ultimatum. Wer ihn innerhalb von einer Woche umbringt, erbt Haus und Firma. Ansonsten geht alles an den Kriegsgräberbund. Die Ausgangsidee wirkt wie ein umgedrehter „König Lear“, mit einem abdankenden Herrscher, der sich freiwillig zum Opfer der Nachgeborenen macht. Das Ergebnis ist teilweise grandioser Slapstick, bei dem übergroße Marderfallen, Sex mit Plastiktüten und vergiftete Frikadellen eine Rolle spielen. Den Anstoß, den bitterbösen Film zu drehen, hatte Regisseur Jan Georg Schütte bei seiner eigenen Familienaufstellung bekommen.

Von zerrissenen Familien und aus der Bahn geworfenen Biografien, von Sehnsucht und Heimweh handelt „Eastalgia“. Das beeindruckende Spielfilmdebüt der Deutsch-Ukrainerin Daria Onyshchenko spielt in München, Kiew und Belgrad und verdichtet drei Liebes- und Trennungsgeschichten in einer einzigen Nacht. Ein alternder Boxer kommt nicht los von seiner Vergangenheit. Der Bodyguard eines Mafiosi verliebt sich in die Geliebte seines Chefs. Eine Mutter brennt Schnaps in der Küche und wartet vergeblich auf ihren Sohn. Am Ende dämmert der Morgen, doch nichts ist entschieden. „Eastalgia“ setzt auf Pathos und schießt dabei gelegentlich übers Ziel hinaus.

Auch Boris Kunz, der wie Daria Onyshchenko an der Münchner Filmhochschule studiert hat, versucht sich in seiner Beziehungskomödie „Drei Stunden“ an der Verdichtung der Gefühle. Drei Stunden hat der Held, ein junger Theaterautor, um die Heldin, eine Studentin mit Helfersyndrom, von seiner Liebe zu überzeugen. Dann fliegt sie zum Entwicklungshilfeeinsatz nach Afrika. Der Film folgt den Hollywoodmustern der Romantic Comedy, ist aber weder wirklich romantisch noch komisch und schließt mit einer Spontanhochzeit an der Isar.

Die Hofer Filmtage gelten als eine Art Trendbarometer des deutschsprachigen Kinos. In diesem Jahr ging es in auffallend vielen Filmen um dysfunktionale Familien oder um die Folgen des nationalsozialistischen Zivilisationsbruchs. Manchmal auch gleichzeitig um beides. In „Die Lebenden“, dem dritten Spielfilm der Österreicherin Barbara Albert, entdeckt eine von Anna Fischer dargestellte Studentin ein altes Schwarzweißfoto, das ihren Großvater in SS-Uniform zeigt. Die Spur führt nach Auschwitz, wo der Großvater als Wachmann Dienst tat und der Vater geboren wurde. „Das kannst du nicht verstehen, du bist zu jung“, sagt der Vater, aber die Tochter entlarvt eine Familienlüge nach der anderen, stirbt beinahe an einer Herzattacke und verliebt sich in einen Israeli. Für einen einzigen Film sind das ein paar Dramen zu viel.

In „Der deutsche Freund“ von Jeanine Meerapfel, der am Donnerstag in die Kinos kommt, weitet sich eine ähnliche Geschichte zum großen zeitgeschichtlichen Panorama. Celeste Cid und Max Riemelt als Nachbarskinder aus Buenos Aires in einer Romeo-und-Julia-Variante. Sie ist die Tochter jüdischer Emigranten, sein Vater war bei der SS. Eine unmögliche Liebe. Max Riemelt ist auch in der israelisch-deutschen Koproduktion „Playoff“ von Eran Riklis dabei, und wieder spielt er den Sohn eines Nazis. Ein israelischer Meistertrainer (Danny Huston) kommt 1982 nach Frankfurt am Main, um die deutsche Basketballmannschaft zu trainieren, die damals als schlechteste Mannschaft der Welt gilt. Vierzig Jahre vorher war er mit seiner Mutter von dort vor dem Holocaust geflohen. Riemelt ist der rebellische Kapitän seines Teams. Der Film beruht auf der Biografie des Basketballtrainers Ralph Klein, und die Pointe steht im Abspann: Klein führte seine deutschen Spieler bis ins Viertelfinale der Olympischen Spiele von Los Angeles.

Noch eine wahre Geschichte und einer der stärksten Filme in Hof: „Puppe“. Das Debüt des Münchner Filmhochschulabsolventen Sebastian Kutzli ist ein Heimatfilm der unheimlichen Art. Auf einem Bergbauernhof im Schweizer Wallis bekommen ein paar straffällig gewordene Mädchen eine letzte Bewährungschance. Die Arbeit in dem von Corinna Harfouch geleiteten Erziehungscamp „Esperanza“ soll sie von ihren Dämonen befreien und ihnen die Chance zum Einstieg in ein Berufsleben verschaffen. Hinter den Bergen liegt Italien, die Mädchen träumen von der Flucht. Ein Schneesturm zieht auf, Naturgewalten brechen aus.

„Puppe“, der im März in die Kinos kommen wird, ist seit langem der beste deutsche Bergfilm. Christian Schröder

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