Filmfestival Cannes : Renaissance der Machos

Am Rande des Filmfests von Cannes gibt es Aufregung um Dominique Strauss-Kahn und einen Film von Abel Ferrara. Die Wettbewerbsfilme widmen sich wiederum Machos und tapferen Frauen, in Produktionen von Bennett Miller, Alice Rohrwacher und den Dardenne-Brüdern.

Jan Schulz-Ojala
Skandal! Gérard Depardieu spielt einen sexsüchtigen Banker, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen beabsichtigt.
Skandal! Gérard Depardieu spielt einen sexsüchtigen Banker, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen beabsichtigt.Foto: Wild Bunch/N. Rivelli

Wenn das kein subtiler Sinn für ein Reality-Sequel ist: Dominique Strauss-Kahn hat es erneut geschafft, dass sich in Cannes tagelang niemand für die Filmkunst interessiert. Vor drei Jahren wurde der DSK-Coup zwar zum Festivalende noch durch Lars von Triers dahingequatschtes Nazi-Bekenntnis bei der „Melancholia“-Pressekonferenz getoppt; zuvor aber sprach alle Welt nur über das Spektakel um die Festnahme des IWFPräsidenten in New York.

Filmfestival Cannes: Alle Wettbewerbsfilme
David Cronenberg tritt mit "Maps to the Stars" an. Neben Julianne Moore (unser Foto) sind auch Robert Pattinson, Mia Wasikowska und John Cusack mit von der Partie.Weitere Bilder anzeigen
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17.05.2014 13:37David Cronenberg tritt mit "Maps to the Stars" an. Neben Julianne Moore (unser Foto) sind auch Robert Pattinson, Mia Wasikowska...

Diesmal war’s eine abseits des offiziellen Programms angesetzte Vorführung. Wer nicht das zweifelhafte Vergnügen hatte, der Darbietung von „Welcome to New York“ in einem Strandzeltkino unter lausigen Projektionsbedingungen beizuwohnen, hat dazu längst am heimischen Rechner Gelegenheit. Zum schlanken Preis eines Latte grande ist Abel Ferraras kinematografische Aneignung des New Yorker Skandals in mehreren Ländern per Video-on-Demand verfügbar.

Ist der Film um den sexsüchtigen Machtmenschen namens Devereaux damit in seinem einzig adäquaten Terrain gelandet, dem Schmuddelmedium Internet? Ja und nein. Die erste halbe Stunde geht locker als – übrigens ab 12 freigegebener – Lustmolch-Softporno über die Nacht vor der sexuellen Attacke auf ein schwarzes Zimmermädchen durch. Der Anderthalbstundenrest beschäftigt sich dagegen, durchaus respektabel, mit den Folgen des Skandals für den von Gérard Depardieu eindrücklich cool gespielten Banker und seine Ehefrau Simone (Jacqueline Bisset).

Wenig reißerisch und fast dokumentarisch präzis inszeniert Ferrara die Details der Festnahme; auch die Szenen einer bereits suspendierten Ehe verlaufen als Kammerspiel im 60 000-Dollar-Apartment, in dem Devereaux nach der Kautionszahlung per Fußfessel gefangen bleibt. Viel Raum ist da für die verzweifelte Selbstdisziplin der Ehefrau, die ihr eigenes Charity-Werk zerstört sieht und doch, zumindest öffentlich, ein letztes Mal zu ihrem Mann hält. Der breitet derweil, fernab jeder Bettelei um Mitleid, Weltekel und Selbsthass aus. Und irgendwann spuckt er seinen „Je ne regrette rien“-Kotztrotz direkt in die Kamera.

Alice Rohrwacher ist die zweite Frau im Palmen-Wettbewerb, neben Naomi Kawase. In ihrem Film "Le Meraviglie" über eine dysfunktionale Familie spielt ihre Schwester Alba Rohrwacher mit. Und Sabine Timoteo!
Alice Rohrwacher ist die zweite Frau im Palmen-Wettbewerb, neben Naomi Kawase. In ihrem Film "Le Meraviglie" über eine...Foto: Filmfestival

Warum Cannes den eingereichten Film letztlich ablehnte, bleibt wohl geheim. Auf Nachfrage heißt es nur stereotyp, zu Produktionen außerhalb des Programms äußere man sich nicht. Im April noch hatte Festivalchef Thierry Frémaux gegenüber dem Branchenblatt „Variety“ eine Nachzügler-Einladung nicht ausgeschlossen – und seither wird munter spekuliert. Für einen gewissen Druck durch die das Festival mitsubventionierende französische Regierung zugunsten ihres Altgenossen spricht manches – nicht zuletzt, da Strauss-Kahn prompt eine Verleumdungsklage gegen den Film anstrengen will. Große Chancen dürfte er in Amerika nicht damit haben; schon der hochjuristisch formulierte Filmvorspann spricht dafür, dass die Produzenten sich engmaschig abgesichert haben.

Immerhin bleibt dieser neueste Krach außerhalb des Festival-Spielfelds – auch von dort allerdings sprinten einem die Macho-Monster gleich in Mannschaftsstärke entgegen. Zum Drahtzieher eines Pädophilenrings in Atom Egoyan „The Captives“, dem zynischen Rhetoriker in Nuri Bilge Ceylans „Winter Sleep“ oder auch zur bloß ins eigene Werk verliebten Mode-Mumie „Saint Laurent“ haben sich inzwischen weitere Widerlinge gesellt. Angeknackst sind sie in ihrer Psyche allesamt, ihr Machtbedürfnis aber stellen sie, ob seelisch oder körperlich, umso brutaler zur Schau. Sollte da, nehmen wir das Kino als Gradmesser für Globalbefindlichkeiten, nach Jahren mit männlichen Jammergestalten ein neuer Typus entstehen – zwar dumm, aber laut und durchsetzungsbedürftig, mit Bizeps oder Brieftasche?

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