Filmfestival "Move" : Von Schränken träumen

Entdecker-Festival: Die Werkleitz-Biennale ist in Halle angekommen – und heißt nun „Move“. Es ist ein charmanter, unprätentiöser Werkstattbericht, ein Querschnitt europäischer Medienkunst.

Anna Pataczek
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Heimatbilder. In "Füllen und Leeren" setzt die Tschechin Tereza Severová eine Stube unter Wasser. -Foto: Falk Wenzel/Move

Ulrich Wickert hat die 5. Werkleitz-Biennale in den Tagesthemen einmal die „Documenta des Ostens“ genannt. Da war sie noch in dem kleinen Dorf zu Hause, das ihr den Namen gegeben hatte: Werkleitz. Eine Kommune in Sachsen-Anhalt. Zwischen Magdeburg, Dessau und Halle. 1993 hatten sich dort in einer alten Ziegelei drei Filmstudenten der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste angesiedelt. Mitten im künstlerischen Niemandsland gründeten sie die WerkleitzGesellschaft, ein Verein, der sich der Förderung von Film- und Medienkunst-Projekten verschrieben hat. Nur drei Jahre später wurde er Landesmedienzentrum, unterstützt vom Land Sachsen-Anhalt. Inzwischen hat sich einiges verändert. 2004 zog der Verein nach Halle. Seit 2008 gibt es keine Biennalen mehr, sondern jährlich stattfindende Festivals. In diesem Jahr heißt das Programm „Move“, es läuft noch bis 25. Oktober.

Gezeigt werden Arbeiten von 21 Künstlern und Gruppen, die im Rahmen des internationalen Stipendiatenprogramms „European Media Artists in Residence Exchange“ entstanden sind. Neben der Werkleitz-Gesellschaft beteiligen sich daran der Kunstverein Impakt im niederländischen Utrecht, Interspace aus Sofia in Bulgarien und Vivid in Birmingham, Großbritannien. Gefördert wird das Festival von der Europäischen Union. Einerseits ein Glücksfall für die Werkleitzer um die beiden Leiter Peter Kurz und Daniel Herrmann, die immer wieder mit knappen Geldern zu kämpfen haben. Andererseits mussten sie in diesem Jahr auf ein eigenes kuratiertes Konzept verzichten. Es hat ihnen nicht geschadet. „Move“ ist ein charmanter, unprätentiöser Werkstattbericht, ein Querschnitt europäischer Medienkunst.

Der Titel der Veranstaltung bringt alle Beiträge auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zusammen: Gezeigt werden Bewegtbilder. Es ist aber auch eine Aufforderung an die Besucher. Die Ausstellungen sind auf neun verschiedene Orte in der Stadt verteilt. Junge Galerien, die Moritzburg oder auch die Hochschule für Kunst und Design, Burg Giebichenstein, beteiligen sich. Wer will, setzt sich einen Kopfhörer auf und folgt den spontanen, assoziativen Erzählungen einiger Hallenser auf Band. Lässt den Blick durch die Augen des Einheimischen wandern.

Das fügt sich ins Programm. Die meisten Künstler antworten in ihren Videoarbeiten auf die Orte ihres Stipendiums. Die Norwegerin Helene Sommer hat das Bergdorf Kovatchevitsa besucht, das in den 70er Jahren eine beliebte Kulisse für die bulgarische Filmindustrie wurde. Sommer sucht mit Collagen aus altem Filmmaterial und des Ist-Zustands sowie Interview-Tönen nach dem Wesen dieses Dorfes. Einst diente es als Projektionsfläche für nationale Mythen, heute ist es seltsam geschichtslos. Selbst der angeblich über zweihundert Jahre alte Brunnen wurde nur für Dreharbeiten aufgebaut.

Kulissenhaft wirkt auch der Hauptausstellungsort des Festivals mitten in der Innenstadt. Dass die Werkleitz-Gesellschaft diesen Raum bespielen darf, ist ein echter Coup. Das seit den Neunzigern geschlossene Intecta-Gebäude ist allen Hallensern ein Begriff. Zu DDR-Zeiten war das ein Einrichtungsladen. Hier konnte man die Schrankwand begutachten, die man sich wünschte. Aber vielleicht nicht bekam. Wenn eine neue Lieferung eintrudelte, musste man einer der Ersten sein. Intecta, das war ein Ort für Träumereien in Zeiten des Abwartens. Heute hängt der Putz in langen Fetzen von den Decken. Die alte Pracht ist längst dahin. Eine Freitreppe führt in die oberen, den Lichthof umlaufenden Stockwerke. Nicht mehr als 12 Personen dürfen sie betreten, darauf weisen Schilder hin. Der Statik wegen. Wohlig angegruselt läuft man nach oben und trifft etwa auf die Arbeit „The Perfect Sound“ von Katarina Zdjelar, die in diesem Jahr auch im serbischen Pavillon auf der Biennale in Venedig vertreten ist. Die Kamera zeigt einen Mann, der eigentümliche Lippenbewegungen macht, der ploppt und kehlig stöhnt und dazu präzise Gesten vorführt. Ein junger Mann versucht die Töne nachzuahmen. Hier sitzen sich Lehrer und Schüler gegenüber bei einem Sprachunterricht, der jeglichen Akzent wegtrainieren soll. Übrig bleibt das Oxford-Englisch, eine bereinigte Sprache. Sie kann keinen Aufschluss mehr geben über Herkunft oder sozialen Stand. Das ureigene, natürliche Sprechen wird mit mühevollem körperlichen Training umgebogen.

Die Tschechin Tereza Severová überträgt in der Galerie Raum Hellrot das Ansammeln von Gütern in poetische Bilder. Sie setzt eine einfache Stube komplett unter Wasser, lässt einen Essplatz von einer blubbrigen Masse aus einem Kochtopf in der Mitte des Tisches überquellen. Parallelen zum Märchen um den süßen Brei sind offensichtlich. Auf Provokation setzt das interaktive Werk „Vested“ in der Turnhalle Volkspark des Kanadiers Don Ritter. Zieht sich der Besucher eine Weste über und läuft vor einer meterlangen Projektionsfläche auf und ab, reagiert ein Bewegungsmelder. Bilder berühmter Bauwerke der Weltgeschichte wechseln sich ab. Drückt man einen roten Knopf an der Weste, die an die Bombengürtel von Selbstmordattentätern erinnert, löst man damit gewaltige Detonationen auf der Leinwand aus. Don Ritter geht es jedoch nicht um eine politische oder religiöse Botschaft. Er will dem Betrachter soziale Muster vor Augen führen, will ihm die Lust an Betrachtung von Grausamkeiten bewusst machen, die er bereits bei den römischen Gladiatorenkämpfen entdeckt oder heute in einem Kinogänger, der sich den neuesten Tarantino-Film ansieht. Der moralische Fingerzeig deutet jedoch ins Leere. Sowohl der Westentragende als auch umstehende Besucher sind gänzlich ahnungslos in dieses Spektakel geraten. Einer vorsätzlichen Lust können sie nicht überführt werden.

Das britische Künstlerpaar Karen Mirza und Brad Butler müssen keine Mauern sprengen, um eine neue Idee des Museums umzusetzen. Museen sind für sie Erinnerungsorte, also sammeln sie dort, wo sie ihre Zelte aufschlagen, Geschichten, beteiligen Einheimische. Die Recherchen fügen sie in ihrer Installation „The Museum of Non-Participation“ zu Tonbandcollagen und Diashows zusammen. Ob im pakistanischen Karatschi oder in Halle in Sachen-Anhalt. Werkleitz wäre auch möglich gewesen.

Move, New European Media Art, Halle, bis 25. Oktober, www.werkleitz.de/move

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