Filmfestival Odessa : Trauer an der Treppe

Das Filmfestival von Odessa fand trotz des Kriegs in der Ostukraine zum fünften Mal statt – ein nachdenklicher Jahrgang.

Sebastian Saam
Kerzen für die Opfer. Nach dem Absturz der Malaysian-Airlines-Maschine wurde der rote Teppich am Festivalhaus von Odessa eingerollt.
Kerzen für die Opfer. Nach dem Absturz der Malaysian-Airlines-Maschine wurde der rote Teppich am Festivalhaus von Odessa...Foto: Sebastian Saam

Auf der fast menschenleeren weltberühmten Potemkin-Hafentreppe von Odessa beklagen sich die Souvenirverkäufer. Die Touristen bleiben weg in diesem Jahr, vor allem die aus Russland. Nur wenige hundert Kilometer entfernt von hier herrscht Krieg, zwischen der ukrainischen Armee und prorussischen Separatisten. Der Himmel ist ungewöhnlich wolkenverhangen in der ukrainischen Stadt am Schwarzen Meer. Ein Sommer zum Vergessen, heißt es hier.

Da hilft es auch nichts, dass das internationale Filmfestival gerade zum fünften Mal stattgefunden hat, am Samstag ging es zu Ende. Früher waren Hollywoodstars wie Michael Madsen, John Malkovich oder Geraldine Chaplin hier zu Gast – angezogen vom Mythos der „Panzerkreuzer Potemkin“-Stadt. Doch dieses Jahr ist alles anders. Der Glamourfaktor ist beträchtlich gesunken. Es gibt keine pompöse Eröffnung im prunkvollen Opernhaus, auch keine Berühmtheiten aus Übersee.

Vor dem Festivalzentrum im Theater Muzkomedija ist es still. Es herrscht ein nachdenkliche Stimmung – wie im Rest der Stadt, die im Sommer sonst so lebendig ist. Die 30-jährige Festivalleiterin Julia Sinkyevich hat hier trotzdem das unmöglich Erscheinende möglich gemacht: ein Filmfestival, in einem Land, in dem seit den Maidan-Protesten, den Neuwahlen und der Abspaltung der Krim nichts mehr ist, wie es war. Die staatliche Förderung fiel weg, Sponsoren sprangen ab. Im Februar waren die Organisatoren verzweifelt, denn es sah danach aus, als sei das junge, aufstrebende Festival schon wieder Geschichte.

Aber dann kam Unterstützung, aus der ganzen Welt. Rund 120 Festivalchefs unterschrieben einen Aufruf an internationale Filmverleiher, mit der Bitte, Sinkyevich und ihr Team zu unterstützen und umsonst Filme zur Verfügung zu stellen. Auch die Berlinale beteiligte sich. Und tatsächlich erhielt das Festival in diesem Jahr viele Werke gebührenfrei. Doch damit war längst nicht alles getan. In den Vorjahren hatte sich das Festival auch als Kreativ-Plattform für Filmemacher aus den ehemaligen Sowjetrepubliken etabliert. Aber viele russische Regisseure haben Angst, in die Ukraine zu reisen. „Nicht wenige haben von uns Sicherheitsgarantien verlangt“, sagt Julia Sinkyevich. Andere wiederum wurden nicht eingeladen, weil die Festivalmacher sie als zu Kreml-treu einstuften.

Am internationalen Wettbewerb mit zwölf Filmen – darunter der chinesische Berlinale-Gewinner „Feuerwerk am hellichten Tag“ und das deutsche Buddy-Psychodrama „Stereo“ – nahm immerhin ein russischer Film teil: „Star“, eine intensive Dreiecks-Psychostudio der in Moskau lebenden Regisseurin Anna Melikyan. Zudem brachte die Georgierin Nana Djordjadze mit ihrem Teenager-Liebesfilm „My Mermaid, my Lorelei“ eine ukrainisch-russische Koproduktion mit ans Schwarze Meer. Ihr 1973 in Tiflis geborener Landsmann Levan Koguashvili gewann mit seinem Drama „Blind Dates“ über einen 40-Jährigen, der sich in eine verheiratete Frau verliebt, den Preis als Bester Film.

Besonders am Herzen lag Julia Sinkyevich allerdings der nationale Wettbewerb. Das Publikum habe so emotional reagiert wie noch nie, sagt sie. Das Kino des Landes ist noch in der Phase der Selbstfindung. Es gibt keinen nennenswerten Filmmarkt, in den vergangenen 15 Jahren wurden in der Ukraine hauptsächlich russische Serien produziert.

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