Filmisches Doppelwerk : Gen Golgatha

„Die Mühle & das Kreuz“: Lech Majewski erzählt die Entstehung von Bruegels „Kreuztragung Christi“.

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Wir sind das Bild. Charlotte Rampling als Maria, Rutger Hauer als Bruegel.
Wir sind das Bild. Charlotte Rampling als Maria, Rutger Hauer als Bruegel.Foto: neuevisionen

Ein paar Striche nur mit dem Kohlestift, und schon hat der Maler auf seiner Skizze die Kompositionslinien dargelegt: in der Mitte eher klein und unauffällig der gestürzte Jesus unter dem Kreuz, von dem strahlenförmig die verschiedenen anderen Szenen ausgehen. Ein paar Filmschnitte nur, und der Regisseur hat das vor über 500 Jahren entstandene Gemälde zum Leben erweckt, Menschen treten heraus, die Geschichte nimmt ihren Lauf. Lech Majewskis „Die Mühle & das Kreuz“ ist ein Doppelwerk, eine filmische Hommage an Pieter Bruegels weltberühmte „Kreuztragung Christi“, die heute im Kunsthistorischen Museum in Wien hängt, und ein Kunststück eigener Art, eine Lektion im verlangsamten Sehen, im Wandern zwischen den Welten, wie es nur Künstlern gelingt.

Schon Bruegel machte diesen Zeitensprung, indem er die Passion Christi in seine Gegenwart, in die südlichen Niederlande des 16. Jahrhunderts verlegte. Über 500 Menschen paradieren in seinem gigantischen Panorama, das 124 mal 170 Zentimeter misst. Ihr alltägliches Gewusel dominiert das Bild, nicht das göttliche Geschehen. Der polnische Filmemacher Lech Majewski hat mit seiner Adaption eine kongeniale Form dafür gefunden. Er setzt die vielen kleinen Szenen fort, lässt sie vorspulen, weiterlaufen und dringt damit in die Tiefe ein. Zwölf Protagonisten greift er heraus: einen Bauern, der von den spanischen Garden aufs Rad geflochten wird, eine Mutter mit ihren Kindern, einen Musikanten, ein Liebespaar. Die Hauptrollen aber spielen neben Bruegel (Rutger Hauer) der Kaufmann und Sammler Nicolas Jonghelinck (Michael York) als sein Auftraggeber und schließlich die Muttergottes (Charlotte Rampling), die herausgehoben immer wieder ihre Situation reflektieren und damit für die weltlichen und religiösen Sphären stehen. Der Künstler vermittelt zwischen beiden, die damalige Drangsal der spanischen Schergen gegenüber den Flamen und das Leiden Christi werden gleichgesetzt. Alle drei Figuren gehen am Ende ins Gemälde ein: Maria in der Beweinungsszene (ein Bild für sich: die Rampling als Pietà!), der Maler und sein Auftraggeber am Rand der Schädelstätte.

Lech Majewski tritt hier in gewisser Weise die Nachfolge Bruegels an. Und wirklich: Er malt auf seine Art. Licht, Farben, die Kostüme, die ganze Atmosphäre sind fast perfekt der Vorlage nachempfunden. Möglich wurde dies durch 3-D-Effekte; die Darsteller bewegen sich gleichermaßen durch Bild und Land. Stellenweise wirkt dies zwar arg artifiziell, die Figuren erscheinen wie hölzerne Statisten, doch die eindrucksvollen Einzelbilder entschädigen immer wieder. Selten hat sich ein Film so viel Zeit genommen für Gesichter, ohne damit gleich einen Effekt evozieren zu wollen.

Majewski erweist sich in „Die Mühle & das Kreuz“ ebenfalls als Bilderzähler, der hintereinander viele Gemälde schafft, die bei Bruegel noch ineinander verschachtelt sind. Ein wenig spielt er Herrgott, so wie der Müller auf der Mühle, die in Bruegels Bild das Geschehen überragt. Als im Film der Maler im Vordergrund und der Müller auf dem Fels einander zuwinken, erstarrt jede Bewegung. Für einen Moment fallen alle Zeitebenen zusammen. Dann geht es weiter gen Golgatha.

Babylon Kreuzberg, Filmkunst 66, Delphi, FT Friedrichshain, Central

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