Kultur : Filmmuseum Potsdam: Babelsberg oder Der Rest der Welt

Hans-Jörg Rother

Es war schon ein herausragendes Ereignis, als das Filmmuseum Potsdam am 9. April 1981 zur Eröffnung einlud. Bedeutete es doch, dass dieser letzte Rest der brandenburgisch-preußischen Residenz nicht ebenfalls der "sozialistischen Stadtgestaltung" weichen musste. Mancher hatte gern den polnischen Restauratoren zugesehen, wie sie den langgestreckten Bau in neuem Glanz erstrahlen ließen. Kein Geringerer als Knobelsdorff hatte dem 1685 als Orangerie errichteten Haus 1712 die prunkende Form gegeben, an der sich mitsamt den Plastiken von Friedrich Christian Glume der kaiserliche Nutzer des Marstalls bis 1918 erfreute.

Bei der Eröffnung schauten die Besucher vor allem nach oben. Über ihren Köpfen ritt Münchhausen alias Hans Albers auf der Erdkugel; die schönsten Stücke aus dem Fundus von Ufa und Defa zogen die Blicke auf sich. In den schmalen Kabinetten unter dem Dach, wo Familien gewohnt hatten, lockte vorerst nur eine Sammlung unikater Apparaturen. Die Dauerausstellung zur Geschichte Babelsbergs ließ noch auf sich warten. Zwei Jahre später, im Februar 1983, verdarb sie mit ihrer propagandistischen Parteinahme für eine "sozialistische Filmkunst" die wohlgemute Anfangsstimmung.

Der Exodus von Regisseuren und Schauspielern, die ein Dauervisum für "den Westen" erlangten, bescherte der staatstreuen Museumsleitung immer wieder Arbeit. Für sie war kein Platz in der Schau, erinnert sich Bärbel Dalichow, die seit 1977 am Aufbau des Potsdamer Filmmuseums, des ersten in Deutschland überhaupt (1984 folgte das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt am Main, 1993 kam Düsseldorf hinzu und Berlin 2000), mitgewirkt hatte. 1985 warf sie, vom Dauerstreit um ideologiekonforme Darstellungen oder auch Papier für Kataloge ermüdet, das Handtuch und verdiente fortan als Verkäuferin für Schmuck und Uhren in einem Privatladen ihren Lebensunterhalt. 1990, als die Stelle des Direktors neu ausgeschrieben wurde, war Dalichow, die inzwischen promoviert hatte, unter den 40 Bewerbern. Mit ihrem Team hat sie das Museum bis heute durch die Fährnis der Zeit gesteuert - und dies mit zuweilen bravourösem, manchmal auch spektakulärem Erfolg.

"Ich bin kein Fünfkopekenstück", sagt sie über sich, in Anspielung auf ein russisches Sprichwort. Kein Mensch also, der jedem gefallen möchte. Viele aber kann und konnte sie überzeugen: Zunächst gewann sie vier Regisseure, Rainer Simon, Andreas Kleinert, Ulrich Weiß und Helma Sanders-Brahms, für die gründliche Revision der Dauerausstellung, die den Standort Babelsberg von 1912 bis zur Auflösung der Defa veranschaulicht. Bis heute zieht die wohltuend zurückhaltende Schau unter dem Dach tagtäglich Besucher an, bedarf aber dringend der Neugestaltung, wie Bärbel Dalichow meint.

Seit der Wende war "endlich die Welt erreichbar". Noch heute glänzen Dalichows Augen, wenn sie an die Fellini-Ausstellung von 1995 zurückdenkt. Nie hätte sie sich träumen lassen, einmal Originalkostüme aus "La Strada" in Händen zu halten, nie aber auch, Fundstücke aus Chaplins Umkreis, die sogar der Familie noch unbekannt waren, präsentieren zu können. Die wiederum von einem umfangreichen Kinoprogramm umrahmte Chaplin-Show geleitete das Filmmuseum ins neue Jahrtausend. Ganz Berlin und Filmleute rings um den Globus fühlten sich freilich alarmiert, als der Marstall das Lebenswerk Leni Riefenstahls vorstellte: ein Tabubruch auf sachlichem Fundament.

Gern würde das Haus auch den Filmfachleuten mehr bieten. Doch die Erinnerungen an den Filmpionier Oskar Messter und den großartigen Defa-Filmarchitekten Alfred Hirschmeier hielten den Besucherandrang leider in Grenzen. Was ist möglich? lautet die Frage vor jedem Projekt, und die Direktorin denkt dabei auch an die Bringschuld von 600 000 Mark Einnahmen, die sie jährlich, bei einem Gesamtetat von nur drei Millionen Mark, nachweisen muss. Da bleiben für die Sonderausstellungen nicht mehr als 400 000 Mark: Das Auftreiben von Sponsoren gehört inzwischen zu den Hauptbeschäftigungen der findigen Direktion.

Ebenso gern würde Bärbel Dalichow auch die Publikationstätigkeit des Hauses fortsetzen, die bisher in zwei gut verkauften Standardwerken über die Spiel- und Dokumentarfilmgeschichte der Defa gipfelte. Anlässlich des Jubiläums präsentiert der gut bebilderte Katalog "Unsichtbare Schätze der Kinowelt" die reiche technische Sammlung des Museums, die im Depot schlummert. Ein Plan für einen Ergänzungsbau zum Marstall im nahe gelegenen Lustgarten liegt ausführungsbereit im Schreibtisch der Direktorin. Es fehlt nicht an Ideen, nur an den nötigen Mitteln.

Die Ausstellungen des Filmmuseums wollen den Besucher weder überwältigen noch belehren. Sie bieten anschauliches Wissen und unikate Schaustücke und sind dabei lebendig, verbindlich, aufklärend. Keine vereinnahmende Licht-Ton-Installation, keine Event-Architektur. Auch darin kann man einen Unterschied zur Dauerausstellung im Berliner Filmhaus sehen, mit dem man Programme und Pläne im Übrigen abspricht. Berlin präsentiert hauptsächlich deutsche Filmgeschichte bis 1945 und das Exil, mit Abschweifungen nach Hollywood. Potsdam bleibt bei seinem Umfeld - und holt die Welt ins Haus.

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