Kultur : Fliegende Fäuste, brutale Käfer

Ned Beauman schreibt einen grotesken Whodunit

Nicole Köstler

Was hat Anophthalmus hitleri, eine zähe Käfersorte, mit dem Verschwinden des jüdischen Boxers Seth Roach im Jahre 1936 zu tun? Wie gelangt ein Dankesbrief von Hitler ins Tiefkühlfach eines gerade ermordeten Detektivs? Welchem Schatz jagen skrupellose Sammler von Nazidevotionalien hinterher? „Flieg, Hitler, Flieg!“, der Debütroman des 1985 geborenen Engländers Ned Beauman, ist eine mörderische Odyssee, deren Fährte in das Jahr 1934 führt.

Ich-Erzähler Kevin ist ein Nerd, der an einer Stoffwechselkrankheit leidet, die ihn nach Fisch stinken lässt. Seine Leidenschaft, Nazirelikte zu sammeln, erklärt sich Kevin mit einer Faszination für das Böse. Auch steckt darin ein lukratives Geschäft. Im Rückblick erzählt Kevin, wie er sich in eine mysteriöse Mission verstrickt. Entführt von einem Auftragskiller, geht es von London in die fiktive Sozialsiedlung Roachmorton, über Leichen hinweg, auf der Suche nach dem Corpus von Seth Roach.

Immer wieder springt die Handlung für einige Kapitel ins England der vierziger Jahre. Im Hardboiled-Stil wird von Seth Roach, den alle Sinner nennen, erzählt. „Für seine Gegner war ein Kampf gegen Sinner wie ein Verhör: jeder Schlag eine Frage, die sie unmöglich beantworten konnten.“ Ein besonderes Interesse an Roach entwickelt der Wissenschaftler Philip Erskine, der sich auf die Züchtung von Insekten spezialisiert hat. Sexuell fühlt sich Erskine von dem kleinwüchsigen Boxer angezogen, zugleich erkennt er in Roach ein Studienobjekt für seine Experimente. Hitlers Rassenlehre vor Augen, will Erskine seine Erkenntnisse vom Käfer auf den Menschen übertragen.

In den historisch anmutenden Passagen führt Ned Beauman den Leser in ein Dickicht aus Fakten und Fiktionen. Ein Rabbi sinniert darüber, wie wichtig Boxen für das Judentum sei. Erskine imitiert die Forschungen von Francis Galton, der die Eugenik begründete. Zwölftonmusik, sozialer Wohnungsbau, Futurismus, Esperanto – all diese Ideen geistern durch die Köpfe der Figuren. Von Comics inspiriert, entwirft Beauman eine aus den Fugen geratene Welt. Das Ganze ist eine Irrfahrt, die sich mehr und mehr in Skurrilitäten verliert. In ihnen steckt aber auch der nicht unansehnliche Witz des Buches. Nicole Köstler

Ned Beauman: Flieg, Hitler, Flieg!

Roman. Aus dem

Englischen von Sophie Kreutzfeld. Dumont Verlag, Köln 2010.

280 S., 19,95 €

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