Kultur : Fliegende Früchte

Bilanz (2): Weltrekord für Pechstein – die deutschen Händler im Höhenrausch.

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Auf der Brücke. Bei Ketterer kostete das Pechstein-Bild 3,5 Mio. Euro. Foto: Ketterer
Auf der Brücke. Bei Ketterer kostete das Pechstein-Bild 3,5 Mio. Euro. Foto: Ketterer

Verkehrte Welt: Bislang zogen Finanzkrisen immer auch das Kunstgeschäft in Mitleidenschaft. Diesmal aber scheinen die aktuellen Turbulenzen an den Börsen den Kunstmarkt zu beflügeln. Gerade so wie Hermann Max Pechsteins „Weib mit Inder auf Teppich“ von 1910, das bei Ketterer auf 3,48 Millionen Euro abhob (sämtliche Preise inklusive Aufgeld). Rückseitig mit dem Stillleben „Früchte II“ versehen, zählt es motivisch und stilistisch zu den Glanzstücken des Brücke-Künstlers. Eine internationale Ausstellungsliste und die Marktfrische taten ein Übriges. Seit den zwanziger Jahren war es Teil einer bayerischen Privatsammlung, 1989 erwarb der jetzige Einlieferer das Doppelgemälde – und darf sich nun über den vierfachen Schätzpreis freuen.

Ein neuer Weltrekord für Pechstein und mit einigem Abstand die Spitze von insgesamt zehn Millionenpreisen, die 2011 auf deutschen Auktionen erzielt wurden. Ein bewegtes Kunstmarktjahr in jeder Hinsicht. Unter dem Fälschungsskandal um die vermeintlichen Sammlungen Jägers und Knops litt das Ansehen des Handels, während die Umsatzpegel in den Auktionshäusern kräftig nach oben ausschlugen. Das höchste Gesamtergebnis in der jeweiligen Firmengeschichte schreiben unisono Ketterer in München (29 Mio. Euro) und van Ham in Köln (26 Mio. Euro). Mit insgesamt 55,4 Millionen Euro übernimmt die Villa Grisebach die Führungsrolle im deutschen Auktionshandel und beschließt ihr Jubiläumsjahr mit dem besten Ergebnis seit der Gründung vor 25 Jahren. Insgesamt konnte Grisebach gleich sechs Kunstwerke unter den Top Ten platzieren. Neben Highlights von Max Beckmann (1,22 Mio. Euro) und Ernst-Ludwig Kirchner (1,12 Mio. Euro) brillierte ein Kandinsky-Aquarell mit 1 280 000 Euro.

Einem weiteren Kandinsky-Blatt aus der begehrten Bauhaus-Phase war bei Lempertz weniger Erfolg beschieden. Rückgabeansprüche waren laut geworden. Was potenzielle Käufer natürlich verprellt. „Dabei hat das Landgericht Köln bereits 1992 bestätigt, dass der Einlieferer der rechtmäßige Eigentümer ist“, äußert Henrik Hanstein gegenüber dem Tagesspiegel. Und dass Kandinskys „Zwei schwarze Flecke“ im Nachverkauf doch noch für 1,1 Millionen Euro veräußert worden sei. Den gleichen Preis erzielte die Meißener Löwin aus der einstigen Menagerie August des Starken. Womit das Kölner Kunsthaus zumindest den Rekord für Porzellan in Deutschland brach – in einem ansonsten schwierigen Jahr. War Lempertz doch im Zuge des Fälschungsskandals immer wieder in die Schlagzeilen geraten. Eine Zivilklage ist noch anhängig. Als Konsequenz will man künftig mit der Kölner Fachhochschule für Restaurierung zusammenarbeiten, die ein hochmodernes Gerät zur Röntgenfluoreszenzanalyse besitzt. Eine Methode, auf die Sammler in Zweifelsfällen und ergänzend zu stilkritischen Analysen ohnehin bestehen sollten. Aber auch der genaue Blick auf die Gutachten kann Aufschluss geben.

Van Ham hat die Expertise zu einer kunsthistorischen Wiederentdeckung von Franz Pforr gleich auf seiner Homepage publiziert. So wird für jeden Sammler transparent, ob ein Gutachten mit Sorgfalt erstellt wurde oder flugs anhand von Foto-Vorlagen. Schließlich sollten auch Sammler ein Stück weit ihren Sachverstand walten lassen. Pforrs „Nächtliche Heimkehr“ wurde als unbekannter Meister eingeliefert. Helmut Börsch-Supan bestätigte es als eines von nunmehr sechs verbürgten Gemälden des 1812 mit nur 24 Jahren verstorben Künstlers und als „Inkunabel der nazarenischen Malerei“. Was dem Nachtstück 915 000 Euro und ebenfalls einen Rekord einbrachte.

Mit Raden Salehs „In letzter Not“ verbuchte van Ham außerdem den zweithöchsten Zuschlag des Jahres. 1842 hatte der javanische Prinz die dramatische Urwaldszene während seines Dresden-Aufenthalts gemalt. Die untere Schätzung konnte das Monumentalbild vervierfachen, als ein indonesischer Sammler 1,95 Millionen Euro gewährte und damit den höchsten Auktionspreis für ein Gemälde des 19. Jahrhunderts in Deutschland.

Und der Fälschungsskandal? Der hat mittlerweile eine Fortsetzung in den USA, und die allgemeine Kauflaune haben die Machenschaften der Bande um Wolfgang Beltracchi keineswegs getrübt. Obwohl der Prozess viele Fragen offen lässt. Der Fälscher selbst zeigt sich bester Stimmung. Damit das ohnehin milde Urteil von sechs Jahren im offenen Vollzug nicht zu schnell rechtskräftig wird, hat sein Rechtsanwalt erst einmal Revision eingelegt. Zwischenzeitlich soll Beltracchi in einem Laden für Künstlerbedarf gesichtet worden sein. Vielleicht macht er es sich daheim so gemütlich wie einst Pechsteins „Weib mit Inder“.

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