Flimm inszeniert Händel-Oratorium an der Staatsoper : Schwankende Engel

An der Staatsoper verlegt Jürgen Flimm Händels erstes Oratorium in die Künstlerkneipe. Die blonde Schönheit gibt sich dem Rausche hin.

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Rote Rosen, rote Lippen, reichlich Wein. Sylvia Schwartz als Bellezza.
Rote Rosen, rote Lippen, reichlich Wein. Sylvia Schwartz als Bellezza.Foto: Loos/dapd

Katastrophen sind eine klassische Stimulanz der Kunst. Dass ein verheerendes Erdbeben 1703 Mittelitalien heimgesucht hatte, nutzte der Papst, um die als lasterhaft verrufenen Opernaufführungen in Rom zu verbieten. Der junge Händel, auf Italienreise um Musiktheater-Lorbeer zu erringen, musste in der Ewigen Stadt umdenken – und schuf sein erstes Oratorium „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“. Bis zu seinem Lebensende sollte ihn das Jugendwerk nicht mehr loslassen. Die letzte Musik, an die der erblindete Händel Hand anlegt, ist die englische Fassung. Durch eine geplatzte Produktion kam Jürgen Flimm vor neun Jahren in Kontakt mit dem Stück. Aus der Not ward eine Ersatzkonzeption gebastelt, die dem allegorischen Disput zwischen Schönheit, Vergnügen, Zeit und Desillusion eine Szene unterschiebt. Flimms Ad-hoc-Regie feierte 2003 in Zürich Premiere, mit Cecilia Bartoli und einem zutiefst von den Stärken des Werkes überzeugten Marc Minkowski am Pult. Ein Erfolg, der von Zürich nach Madrid weitertingelte.

Jetzt ist „Il trionfo“ mit seinem Regisseur an der Staatsoper gelandet – und zu einem allzu leichten Spiel für Zeit und Desillusion geraten. Flimm siedelt seinen Wettstreit um die Evita-blonde Schönheit dort an, wo man sowieso am liebsten hockt: in einer irgendwie mondänen Bar, in die Künstler hineinschneien, wo Blattgold an den Wänden klebt, aber sonst nichts echt ist. Außer einem chronischen Durst, der nicht zusammen mit einem Hunger nach Erkenntnis geht. Irgendeine Flasche ist immer zum Greifen nah, und die Barkeeper stellen wortlos gewaltige Wodkagläser bereit. Man trinkt und bleibt derselbe, rauschfrei verloren in einer merkwürdig mechanischen Gegenwart. Bei derart schalem Amüsement bleibt der Schönheit viel Zeit für bange Blicke in den Spiegel. Prompt wittert die unangenehm siegessichere „Zeit“ ihre Chance – oder wie es Robert Gernhardt zierlich fasste: „Wer Schönes anschaut, spürt die Zeit, / und Zeit meint stets: Bald ist’s soweit.“

Dass die Schönheit zugunsten ihres späteren Seelenheils ins Kloster verbannt wird, mag am Textdichter Kardinal Pamphili gelegen haben, dass das mephistophelisch gezeichnete Vergnügen die bewegendste Musik erhält, an Händel. Regisseur Flimm entwickelt nichts aus diesem Spannungsverhältnis. Ein Händel-Double rollt langsam hinter den Tresen, ein nicht mehr ganz trittsicherer Engel verlässt den Raum, ohne seine poetische Dichte zu beeinflussen. Von der Wut und Dringlichkeit, mit der unlängst Calixto Bieito „Il trionfo“ in Stuttgart in Szene setzte, keine Spur. Man sieht den Kellnern beim Taktzählen zu, ehe sie die Tischtücher abziehen dürfen – und wünscht sich fort aus dieser unerschütterlichen Biederkeit, hinein in die zerbrechliche Illusionsmaschine Theater, der Händel seine ganze Kunst gewidmet hat.

Sie blüht leider viel zu selten auf im Schillertheater, obwohl wiederum Marc Minkowski dirigiert, ein sinnlicher Koloss inmitten seines trefflichen Originalklangensembles „Les Musiciens du Louvre“. Minkowski weiß, dass in „Il trionfo“ eingelagert ist, wovon Händel sein Leben lang zehren wird, ob in späteren Opern oder englischen Oratorien. Und wenn er sich ganz hingibt, dann kommt unter seinen Händen ans Licht, wie viel Händel wusste von der Zeit – und wie sie uns erschüttern kann. Der Bogen, den er vom vor Verrat schäumenden Vergnügen bis zum unendlich zarten „Lascia la spina“ schlägt, sucht seinesgleichen an erfüllter Theatralik und zugleich tiefer Menschensicht. Auch, weil Inga Kalna als Vergnügen über die expressivsten Gestaltungsmittel verfügt, gefolgt vom eleganten, jedoch wenig druckvollen Alt, den Delphine Galou ihrer Desillusion leiht. Die Schönheit von Sylvia Schwartz gurrt in sich hinein, bis der Klang nicht mehr recht aus ihr herausfindet. Charles Workmans frohlockende Zeit bleibt oft so grau wie ihr Pferdeschwanz.

Von Jürgen Flimm tatsächlich zur Nonne gemacht, schaut die Schönheit einsam in ihr Wasserglas. Den Absatz von Alkoholika auf der Premierenfeier wird dieses Finale beflügelt haben. Ein Prosit auf den großen Gernhardt: „Das Schöne gibt uns Grund zur Trauer. / Das Hässliche erfreut durch Dauer.“

Wieder am 18., 21., 24., 27. und 29. Januar. Händel-Konzerte mit Les Musiciens du Louvre und Minkowski am 20./22. 1.

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