Kultur : Flotter Vierer

Was Klaus Wowereit und Christian Thielemann mit Puccini und Richard Strauss verbindet

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Von Frederik Hanssen

Genau genommen sind die beiden Herren total fehlbesetzt: Die CD-Serie mit dem kryptischen Titel „...trifft...“ ist eigentlich Popkulturgrößen vorbehalten, die hier ihre Lieblingskomponisten präsentieren: Iris Berben trifft Verdi, Stuckrad-Barre trifft Brahms, Harald Schmidt trifft Bach. Dabei handelt es sich natürlich nicht um wirkliche Begegnungen, sondern um eine jener Kampagnen, die die Schallplattenindustrie in ihrer Verzweiflung lostritt. Weil auch Klassikfans immer häufiger CD-Brenner-Besitzer sind, versuchen die Firmen, kostengünstig neue (idealerweise des Brennens unkundige) Publikumsgruppen zu erschließen. Also werden Reihen erfunden, die den Hersteller nichts kosten, weil ausschließlich Archivmaterial verwendet wird: Da wirft man sich hochtönend mit „Dem Besten aus 400 Jahren Mord und Totschlag“ an Musiktheater-Neueinsteiger ran, versucht, die Massen zu penetrieren, indem man Alltagsbeschallungsware anbietet, die so ähnlich heißt wie „Mozart am Morgen“, „Haydn zum Händchenhalten“ oder „Bach beim Beischlaf“.

Auch die „...trifft...“-Serie der Deutschen Grammophon ist so ein Recycling-Projekt. Menschen, die wir aus der Glotze kennen, machen uns klar, dass es völlig normal ist auch mal Klassik aufzulegen. Die Popularität der Präsentatoren soll auf das Image der Komponisten abfärben – und natürlich auch auf die Bilanzzahlen der Firmen.

Die beiden jüngsten „...trifft...“-Veröffentlichungen allerdings präsentieren mit dem Berliner Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und dem Generalmusikdirektor der Deutschen Oper statt Medienstars echte men in black. Der dunkle Politiker-Anzug entspricht ebenso wenig dem Gesetz der CD-Serie wie der Dirigenten-Frack. Und doch passt die Entscheidung der Plattenfirma für Wowereit und Thielemann gut in die Berliner Medienrepublik: Hier wird keine Bewegung mehr gemacht ohne Schulterblick auf die Kundschaft: Wo Politiker TV-Container stürmen, wo Opern mit Großbildleinwand-Übertragungen auf die Plätze drängen, werden auch Bürger-Meister und Bürger-Maestri zu Showmastern.

Da drängten sich die beiden Berliner Herzensbeweger Wowi und Thielemann geradezu auf. Höhere Aufmerksamkeitsquoten erreichen in der Stadt allenfalls Claus Peymann und Gregor Gysi. Vielleicht wurden sie sogar gefragt. Doch der Berliner-Ensemble-Chef dürfte eher Heavy-Metal-Fan sein (wenn man von seinem Vokalgebaren auf seinen Musikgeschmack schließen darf). Und der bekennende Opernfan Gysi saß vermutlich ständig in irgendwelchen Flugzeugen und war ergo unerreichbar.

So wuchs zusammen, was in den Augen vieler zusammengehört: Zwei ehrgeizige Herren der Hauptstadt, die sich gerne als Männer des 21. Jahrhunderts geben und doch genug Affinität zum Vergangenen haben, um diverse Zielgruppen in kollektiver Begeisterung zu vereinen. Zwei nicht nur überzeugte, sondern auch gebürtige Berliner, die ohne Rücksicht auf die Folgen gerne mal ein klares Wort aussprechen. Schlappe 70 Euro kostet der flotte Vierer des verrückten Paares in der „Deluxe-Box“ mit je zwei CDs pro Nase. Wer findet, unterschiedliche politische Meinungen sollten getrennt auftreten, kann allerdings auch Einzelausgaben erwerben.

Wen treffen nun die beiden? Christian Thielemann begegnet nicht Wagner (den hat ihm Schlingensief weggeschnappt), sondern dem anderen Richard, nämlich Strauss. An dem fasziniert Thielemann die „frohe Gewalt“: Eine Musik, bei der er „vollen Überblick“ über die orchestralen Massen behalten muss, dafür aber „so richtig in den Farbtopf“ greifen kann. Da schwärmt ein Preuße mit italienischer Seele – und setzt im übrigen ganz nonchalant seine eigene Aufnahme der Strauss’schen „Alpensinfonie“ mit den Wiener Philharmonikern auf die persönliche Hitliste.

Klaus Wowereit steht eine derartige Selbstreferenz nicht zu Gebote. In seinem sehr persönlichen Klappentext hebt er vor allem den„Wellness-Faktor“ seines Favoriten Giacomo Puccini hervor. Das hört sich mehr nach „Fitness-Center der Sinne“ an als es gemeint ist. Wowereit spricht hier vor allem als bekennender Genussmensch. Die zentrale Aufgabe der Oper ist, findet er, mit „Glamour und Gefühlen“ in Traumwelten zu entführen (was für ihn jedoch zeitgemäße Interpretationen keineswegs ausschließt). Als Schluss-Tusch gibt’s noch ein Bekenntnis gratis dazu, ganz staatsmännisch und ganz wowereitsch: „Die Oper lebt. Und das ist ... ja, ja, schon gut so.“

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