Kultur : Flügelschwünge hier, gordische Knoten dort

ELFI KREIS

Ihre Hauptsaison ist gerade zu Ende.In Watte gebettet und in Kisten und Kästen gepackt dürfen die herzigen Figuren mit den Pausbäckchen und dem Rauschgoldhaar nun wieder im Keller verstauben.Engel, zu DDR-Zeiten prosaisch säkularisiert Jahresendfiguren geheißen, haben hingegen bei Joachim Klinger zu jeder Jahreszeit Konjunktur.Seit mehr als zwanzig Jahren beflügelt das Engelsmotiv auf Papier seine künstlerische Phantasie.Seine kleinen Blätter meiden jeglichen Anflug von Verniedlichung oder Kitsch.Mit spitzer Zeichenfeder und Aquarellpinsel fixiert er sie als vage, luftige Himmelswesen zwischen Erscheinen und Entschwinden.Zwischen Verkündern und Boten, Wächtern, Schutzengeln und den alttestamentarischen, furchteinflößenden Cherubim legt er sich auf keine einseitige inhaltliche Deutung fest.Mit ausgebreiteten Schwingen oder von fließenden Gewändern verhüllt, so tuscht er sie zumeist mit wenigen Pinselschwüngen in Sepiabraun und rötelartigem Rostrot aufs Blatt.Vage tauchen sie mit einem Flügelschlag aus dem Nichts auf, als könnten sie jeden Augenblick wieder in ihm entschwinden.

Kein Racheengel, sondern Alexander der Große soll derjenige gewesen sein, der den gordischen Knoten mit seinem Schwert löste.So zumindest lautet die Legende.Wie die kunstfertigen Knoten und Verschlingungen der Wandobjekte und Reliefs von Susanne Ruoff zu lösen wären, ist dagegen keine Frage.Besucher grübeln im zweiten Teil der Ausstellung in der Guardini-Stiftung wohl eher, wie die Berliner Künstlerin auf Biegen, aber ohne Brechen ihre widerspenstigen Äste und Holzfundstücke zu verschlungenen Schleifen und Knoten verformt.Konstruktiv und geometrisch ist das Basisvokabular ihrer mittels Feuchtigkeit und Hitze bearbeiteten, teilweise auch geschnitzten Holzarbeiten, die Ruoff zuweilen mit rostigen Eisenbändern und Eisenblech kombiniert.Der Clou und Materialwitz dabei ist, daß wie bei einer Serie einfacher, geschlossener Kreisläufe nur die schlichten Ovalformen aus dem biegsamen Metall bestehen.Zwischengeschaltet aber sind kompliziertere Knoten, Verwicklungen und Verschlingungen, schneckenförmige und Schillerlocken ähnliche Spiralwindungen oder Wellenformationen.Manche der Zweige aus sperrig widerspenstigem Material wirken zunächst urwüchsig und naturbelassen und konzentrieren sich erst an einem neuralgischen Punkt auf eine künstliche Verflechtung.

Die Fundstücke aus alltäglichen Zusammenhängen verwendet Susanne Ruoff dabei weniger im Sinne von "objet trouvés".Sie dienen ihr vielmehr als Ausgangsstoff, um mit ihm neue Formzusammenhänge aufzubauen.Die Künstlerin bevorzugt einfache, reduzierte Formsetzungen.Es sind strenge und zugleich spielerische, der Wand verhaftete und energiegeladene Linienführungen im Raum: schlichte Konstellationen von sensibler Intensität.

Guardini-Stiftung, Tempelhofer Ufer 22 bis 20.Januar; Montag bis Donnerstag 10 - 16 Uhr, Freitag 10 - 14 Uhr.

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