Flug in die Stille : Ein Hausbesuch bei Tomas Tranströmer in Stockholm
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Da ich es versäumt habe, ihm im April zum 80. Geburtstag zu gratulieren, hole ich das jetzt linkisch nach. Der ins Schweigen Gesperrte erstrahlt über das ganze Gesicht und antwortet mit dem einzigen Satz, den er aussprechen kann: „Det är mycket bra – das ist sehr gut“. Ich Kindheitsstotterer erzähle hastig holpernd dies und das und ernte immer wieder den einen Kommentar, den wir beide brüderlich belächeln.

Mitgebracht habe ich einen Gruß des Malers Holger Barthel: die plakatgroße Reproduktion eines „Poetischen Segels“, wie es an einem der Holzmasten im Hafen von Ueckermünde leuchtet. Barthel hat ein Aquarell zu dem frühen Tranströmer-Gedicht „Sturm“ gemalt: „Plötzlich trifft der Wanderer hier die alte/ Rieseneiche, einen versteinerten Elch – /meilenweit die Krone vor der schwarzgrünen/ Festung des Meeres. // Nordsturm. Hohe Zeit, da die Ebereschen/ reifen. Im Dunkeln wach, hört man/ über dem Baum die Sternbilder stampfen / in ihren Buchten.“

Wir trinken ein Gläschen Whisky. Dann spielt Tranströmer, wie früher im verschneiten Västerås, mit seiner gesunden linken Hand auf dem Klavier: Einhandstücke, wie sie ihm Freunde aus aller Welt schicken: etwas von Branson und „Catalan“ von Mompou. „Mycket bra“, stammle ich.

Berühmte Preisträger
Günter Grass erhält den Literaturnobelpreis 1999, weil er – so die Begründung der Jury – „in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat“.Alle Bilder anzeigen
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06.10.2011 12:39Günter Grass erhält den Literaturnobelpreis 1999, weil er – so die Begründung der Jury – „in munterschwarzen Fabeln das vergessene...

Auf dem Lektüretisch neben dem Sessel stapeln sich die Bücher. Ich bin gerührt, auch meine Gedichtbände und jenes buchgewordene „Traumseminar“ („Ett drömseminarium“) vorzufinden, bei dem wir im November 2000 in Visby zwölf Tranströmer-Gedichte in sieben Sprachen übersetzten, ins Polnische, Slowakische, Russische, Lettische, Litauische, Japanische und Deutsche. Anlässlich seines runden Geburtstags sind im Bonniers Verlag zwei bibliophile Ausgaben erschienen: ein Loseblattschuber mit Malereien und noch unbekannten, frühen Gedichten und ein perlmuttfarbener Band mit den Gedichten und der autobiografischen Prosa von 1954 bis 2004. Er schenkt mir den Band und signiert ihn mit unsicherer linker Hand.

Ohne Hilfe schafft er es aus dem Tagessessel, geht schrittchenweise durch die ganze Wohnung. In der lichten Küche, auf deren Fensterbänken Orchideen in einem Schönheitswettbewerb stehen, essen wir zartes Roastbeef, trinken dunklen Wein. Dann ist der Betagte müde und ruft nach Monica: „Mycka!“

Schweden ist ein teures Land. Doch nährt es seine Dichter dank eines ausgeklügelten Stipendiensystems, welches Autoren von Rang eine nahezu sorgenfreie Existenz ermöglicht. Tomas Tranströmer, 1931 geboren, hat sich darauf nicht verlassen, sondern seit Ende seines Studiums Mitte der fünfziger Jahre bis zu seinem Schlaganfall seinen gelernten Beruf als Psychologe ausgeübt. Erst an der Universität, dann in einer Jugendstrafanstalt und seit 1965 als Berufsberater, halbtags, um Kraft und Zeit fürs Schreiben zu behalten. Dass ihm die Brotarbeit nicht nur Butter brachte, zeigen die Haikus, wie er sie schon 1959 nach einem Besuch im Jugendgefängnis Hällby schrieb. „Als der Ausreißer gefasst wurde/ hatte er die Taschen/ Voller Pfifferlinge“, geht das eine. Und: „Der Junge trinkt Milch/ und schläft geborgen in seiner Zelle,/ eine Mutter aus Stein.“

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