Flug in die Stille : Ein Hausbesuch bei Tomas Tranströmer in Stockholm

06.10.2011 21:34 UhrVon Richard Pietrass
Die Schweden nennen ihn den „Poeten, den alle lieben“. Mit diesen Worten feierte die größte Tageszeitung des Landes, „Aftonbladet“, den seit einem Schlaganfall gelähmten Dichter bereits zu seinem 80. Geburtstag am 15. April. Foto: Peter Peitsch / peitschphoto.com
Die Schweden nennen ihn den „Poeten, den alle lieben“. Mit diesen Worten feierte die größte Tageszeitung des Landes, „Aftonbladet“, den seit einem Schlaganfall gelähmten Dichter... - Foto: Peter Peitsch / peitschphoto.com

Der Nobelpreis für Literatur bleibt dieses Jahr in Stockholm. Die Schweden freuen sich ganz besonders über die Auszeichnung für Tranströmer. Ein Besuch bei ihm zuhause.

Die Maschine vollführt ihren Landeanflug hundert Kilometer südlich der schwedischen Hauptstadt. Der Gemeinde Nyköping als Kuckucksei ins Gras gelegt, nennt sich der Flughafen Stockholm-Skavsta und kassiert Zeit. So wird dem Gast eine Busfahrt durch das grüne, seen- und waldreiche Land beschert: 25 Jahre nach meiner ersten Begegnung mit dem schwedischen Dichter Tomas Tranströmer bin ich wieder auf dem Weg zu ihm. Damals, in Västerås, noch im Schlepptau seines slowakischen Übersetzers, habe ich diesmal ein eigenes Anliegen: für ein Heft der Reihe „Poesiealbum“ Gedichte auszuwählen.

Im Stockholmer Columbus Hotell liegt das billigste Zimmer mit Gemeinschaftsbad und ohne Fahrstuhl unterm Dach.

Dafür besitzt es den Charme eines Hauses, das in seinem langen Leben seit 1780 schon alles gewesen ist, Brauerei, Kaserne, Gefängnis, Notkrankenhaus und Asyl. Ich fühle mich als willkommene Eintagsfliege, die ausschwirrt, den wieder in seinem Kindheitsstadtteil Södermalm lebenden Dichter nach zehn Jahren erneut zu besuchen. Seit einem Schlaganfall 1990 ist Tranströmer halbseitig gelähmt, wegen seiner Sprechblockade können wir auch diesmal nicht miteinander reden. Nur über Monica, seine Frau, mit der er zusammen ist, seit sie sich an einem Vorsommertag des Jahres 1957 auf Skeppsbron begegneten, der großen Uferpromenade der Altstadt. Er war 26, sie 17. Die beiden haben ein kunstvolles System von Nicken und Kopfschütteln entwickelt, das mit ausreichend Geduld sogar die Beantwortung komplizierter Fragen gestattet, wenn man sie nur in die nötige Zahl von Zustimmungen oder Verneinungen auffächert.

Mein Fußweg durch das Viertel, in dem der Sohn einer Lehrerin und eines Journalisten Kindheit und Jugend verbrachte, bis der Vater die Familie früh verließ, bringt mich unweit der Häuser in der Grinds- und Blekingagatan die Teerhofstraße entlang zu einer hölzernen Behelfstreppe. Sie führt zu der höher gelegenen Straße, an deren östlichem Ende ein strenger Klinkerbau steht. Hier, in der vorletzten Etage, haben die Tranströmers ihr Heimkehrnest gefunden. Der altmodische Scherengitterfahrstuhl öffnet sich, und Monica überbrückt mit ihrer Umarmung zehn Jahre. Während sie sich meiner Astern erbarmt, finde ich Tomas in seinem Tagessessel zwischen Büchern und Klavier.

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