Kultur : Fluggeräte für moderne Nomaden

Eisvögel und Motor-Inseln: die „GaleriArtist“ zeigt Panamarenko

Michaela Nolte

Fliegt es oder fliegt es nicht? Panamarenkos Flugzeuge und Luftschiffe, die praktischen Rucksack-Helikopter, die fliegenden Teppiche oder die magnetisch schwebende Zigarre sind auf dem hauchdünnen Grat von Ernsthaftigkeit und Utopie angesiedelt, zwischen Naturwissenschaft und Metaphysik. Im Laufe von nunmehr 30 Jahren hat der Künstler seine Rolle als Erfinder ebenso perfektioniert wie den funktionellen Schein seiner Kunst.

Multiples wie der „Eisvogel“ (15 000 Euro), den die Istanbuler „GaleriArtist“ in der zweiten Ausstellung ihrer Berliner Dependance zeigt, wirken aerodynamisch und sind mit den transparenten Schwingen außerdem schön anzusehen. Ob die Objekte flugtauglich sind, bleibt zweitrangig. Im Vordergrund steht die „Idee“ eines Flugzeugs, Vogels oder Luftschiffs und vor allem deren magische Wirkung auf den Betrachter, den Panamarenko mit Konzepten wie dem „Eiland“ (7500 Euro) in entlegene Regionen der Phantasie verführt. Der handkolorierte Leinwand-Druck stellt die ultimative Lösung für den modernen Nomaden dar: Die 18 Meter durchmessende motorisierte Insel verfügt über eine geräumige, transparente Kabine mit Sitzgelegenheiten für drei Personen und Sonnenkollektoren sowie einen Propeller.

Weniger komfortabel wirkt dagegen der 2000 gefertigte „Fliegende Teppich“ (110 000 Euro). Das Unikat erinnert an die frühe, spröde Poesie des 1940 in Antwerpen geborenen Künstlers. 1967 entwickelte Panamarenko sein erstes Menschenkraft-Flugzeug mit Pedalantrieb, mit dem er im Jahr darauf von Joseph Beuys zu einer Ausstellung in der Düsseldorfer Kunstakademie eingeladen wurde. 1972 folgte die erste Documenta-Teilnahme an Harald Szeemanns legendären „Individuellen Mythologien“. Man mag Panamarenko vorwerfen, dass sein Konzept seither um die gleichen Themen kreist. Doch scheint mittlerweile die Zeit selbst diese kuriosen Objekte überholt zu haben, und gerade in ihrem altertümelnden Charme entfalten sie eine ungemeine Frische. Zu einer Zeit, in der sich Künstler verstärkt in die endlosen Weiten der Datenautobahnen aufmachten, ging Panamarenko mit seinen mechanischen Ideal-Konstruktionen in die buchstäbliche Tiefe. Seit 1990 gesellten sich zu den Flugobjekten U-Boote und unsichtbare Unterwasser-Fahrräder.

Dass es bei aller Ironie immer auch um physikalische Problemstellungen geht, davon zeugen die Zeichnungen. Die „Generaldrehachse“ (16 500 Euro) skizziert einen Flügel inklusive akribischer Maß-, Kraft- und Materialangaben. Ebenso wirft der „Entenschnabel – Kleiner Magnusflieger“ (18 000 Euro) die Frage auf, ob diese Mischung aus Harley Davidson und Dampfwalze wirklich Auftrieb durch den „Magnus-Effekt“ erhält. Allemal ist es eine liebevolle Reminiszenz an den Berliner Physiker und Chemiker Heinrich Gustav Magnus, der die „Querkraft“ 1852 entdeckte. Quer zu den Newton’schen und sonstigen Gesetzen stellt sich auch Panamarenko: ein Kunst-Tüftler, der zwischen Leonardo da Vinci und Jules Verne oszilliert. Ein Ikarus, der nie abstürzt, sondern die Federn an seinen Schwingen im freien Flug neu vermisst und festzurrt. Mit dem Sinn und Unsinn der Technik laborierend, gibt er dem ewigen Traum vom Fliegen stets kühnen Aufwind.

GaleriArtist, Fasanenstraße 68, bis 30. Januar; Dienstag bis Freitag 11 – 18 Uhr, Sonnabend 11 – 17 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar