Foo Fighters live in Berlin : Der Mann im Rock'n'Rollstuhl

Dave Grohl hat sich das Bein gebrochen, was ihn aber nicht davon abhielt mit seinen Foo Fighters in der ausverkauften Arena am Berliner Ostbahnhof eine knallige Rockshow zu spielen.

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Foo Fighters-Frontmann Dave Grohl auf seinem Rock'n'Roll-Thron
Foo Fighters-Frontmann Dave Grohl auf seinem Rock'n'Roll-ThronFoto: dpa

Als das Mobiltelefon von Dave Grohl vor ein paar Monaten mit neuen Nachrichten geflutet wurde, ignorierte der Musiker das zunächst. Wahrscheinlich wollen mir meine Freunde nur wieder irgendein Katzenvideo zeigen, dachte er. Doch als es einfach nicht aufhörte, klickte er doch mal auf den mitgeschickten Video-Link - und war völlig geplättet. Da standen tausend Musikerinnen und Musiker auf einer Wiese im italienischen Cesena und spielten den Song "Learn To Fly" seiner Foo Fighters.

Mit der Aktion wollten die Organisatoren die Band dazu bewegen, in der kleinen Stadt im Norden Italiens aufzutreten. Dave Grohl war so gerührt, dass er selbst ein Video ins Netz stellte. Der Kern seiner in wackligem Italienisch vorgetragene Botschaft lautete: "Wir kommen, ich schwöre es euch. Wir sehen uns bald." Und tatsächlich löste er letzte Woche sein Versprechen ein und spielte mit den Foo Fighters in Cesena. Der erste Song war natürlich "Learn To Fly".

Beim Konzert in der ausverkauften Arena am Berliner Ostbahnhof ist der Song aus dem Jahr 1999 Teil des Dreier-Hitpakets, mit dem die Band das Konzert fulminant eröffnet. Alle Arme fliegen hoch, die Halle hüpft, sicher haben auch hier die meisten das Video aus Italien gesehen, das mehr als 26 Millionen Mal geklickt wurde. Nur einer kann nicht mitspringen: Sänger und Gitarrist Dave Grohl. Bei einem Bühnensturz in Schweden brach er sich im Sommer das rechten Bein und trägt seither eine Plastikschiene.

Weil er die Tour nicht komplett absagen wollte, ließ er sich von seiner Crew einen Thron bauen, der aussieht wie eine Mischung aus Autoscooter und Ohrensessel. Hinten prangt das rote Bandlogo, an den Seiten ragt ein gutes Dutzend Gitarrenhälse heraus. Manchmal tuckert das klobige Teil auf einer Schiene über den Steg ins Publikum. Wo normalerweise breitbeinig herumposiert wird, rockt Grohl nun im Sitzen. Der 46-Jährige schüttelt seine lange braune Mähne, kickt mal mit dem gesunden, mal mit dem geschienten Bein in die Luft. Er kreischt, was das Zeug hält, die Stimmbänder klingen ein bisschen mitgenommen. Egal, er hängt sich weiter voll rein.

Schlagzeuger Taylor Hawkins verrichtet eindrucksvolle Schwerstarbeit

Seine Band steht hinten und ballert ein Rock-Brett nach dem anderen in die Mehrzweckhalle. Vor allem Drummer Taylor Hawkins verrichtet beeindruckende Schwerstarbeit. Mal prügelt er seine Kollegen geradezu vor sich her, mal feuert er schnelle Salven und Break-Gewitter in ihre Rifflandschaften. Bei zwei Stücken darf er sogar den Leadgesang übernehmen, ein Privileg, das Grohl keinem anderen Bandmitglied gewährt. Der blonde Taylor Hawkins ist eindeutig der wichtigste Mann neben Grohl, der einst als Nirvana-Drummer und später als Gast bei Bands wie den Queens Of The Stone Age ebenfalls einen sehr kraftvollen Schlagzeugstil pflegte.

Das fast zweieinhalbstündige Set ist ein Best-of-Programm mit Songs aus allen Perioden der über 20-jährigen Bandgeschichte. Die Hymne „My Hero“ und das frühe „Breakout“ geraten dabei besonders knallig. Beim langsam beginnenden und dann stufenweise explodierenden „The Pretender“ bellt Grohl den Refrain mehr, als dass er ihn singt. Derweil geht es im Moshpit heftig zur Sache.

Als Gast kommt Bob Mould von Hüsker Dü auf die Bühne

Etwa in der Konzertmitte kehrt kurz Ruhe ein, als Dave Grohl einen Gast ankündigt. Beim Foo-Fighters-Auftritt vor vier Jahren war es Lemmy Kilmister von Motörhead, diesmal gesellt sich Bob Mould zu ihm. Dessen einstige Band Hüsker Dü beeinflusste Nirvana nachhaltig. „Er ist einer meiner musikalischen Helden“, sagt Grohl und hat sichtlich Spaß daran, mit dem weißbärtigen Kollegen die eingängige Mid-Temponummer „Dear Rosemary“ zu spielen. Mould war auch schon bei der Albumversion des vor vier Jahren veröffentlichten Stücks mit von der Partie – jetzt liegt Grohl fast auf seinem Thron, um ihm beim Gitarre-Schrubben möglichst nah zu sein. Und weil es so schön ist, schieben die beiden gleich noch ein Stück von Kiss hinter. Ein Kindheitstraum, sagt Grohl, fehlt eigentlich nur noch ... er zupft die ersten Takte des Beatles-Stücks „Blackbird“ und bricht ab – allzu nostalgisch soll es dann doch nicht werden.

Eine souveräne, sympathische Show mit "Best Of You" als Rausschmeißer

Dabei sind die Foo Fighters selber schon lange retro. Ihre große Zeit waren die Neunziger, als sie das Grunge-Erbe würdig weiterführten und eine Reihe von Hits produzierten, die die Jahrzehnte überdauert haben. Die Band klingt immer noch so wie damals, doch ist sie nie peinlich geworden, was auch das Berliner Konzert wieder beweist. Es ist eine souveräne, sympathische Show ohne Schnickschnack, Angeber-Soli oder pathetische Ansagen. Da erinnert sich Grohl viel lieber an seinen ersten Berlin-Besuch in den Achtzigern, erwähnt seine alte Berliner Lieblingsband Jingo De Lunch und stimmt zum Abschluss das melancholische „Best Of You“ an, das einige Besucher noch auf dem Heimweg weitersingen.

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