Kultur : "Forrester - Gefunden!": Schreiben ist Schweigen ist Schreiben

Jan Schulz-Ojala

Ach, wenn nach dem Film doch vor dem Film wäre. Noch einmal: Wie alles anfing. Noch einmal: die Konstellation. Noch einmal: Was man hätte aus all dem machen können, bevor es wurde, was es war.

Der Typ um die 16 zum Beispiel, Schüler in der Bronx. Nicht gerade schlecht in der Schule, spielt aber vor allem gut Basketball. Lebt mit Mutter und Bruder in kleiner Wohnung, unterste untere schwarze Mittelklasse, tapfer kämpft sie gegen weiteren Abstieg. Das allein wäre noch nichts Besonderes. Aber dieser ziemlich stille Typ findet in seinem engen Zuhause Zeit und Raum für etwas total verrückt Überflüssiges: das Schreiben. Ist gerade mal 16 und schreibt erste Prosa in irgendwelche Kladden, wenn er nicht gerade Basketball spielt. Hat eine Krankheit aus Glück, über die er nicht spricht. Mit wem auch: Schreiben ist Schweigen ist Schreiben.

Und dann erst der Alte. Der Kauz. Einer, der vor fast 50 Jahren mal einen Roman geschrieben hat, den sie sogar heute noch lesen und lieben, vor allem die Jungen, und ausleihen wie verrückt in der Bibliothek. Pulitzer-Preis mit Mitte Zwanzig! Nur: Geschrieben hat er seitdem nichts mehr. Oder nichts mehr, das sie hätten veröffentlichen wollen irgendwo. Eine Schreibkrise, die zur Lebenskrise wird - und, weil man irgendwas ja Leben nennen muss mit der Zeit - schließlich zum Lebensinhalt. Erst ist er einer, dessen Gesicht nicht mehr gefragt ist. Nach einer Weile wird er einer, der sein Gesicht nicht mehr hinhält. Wird ein Gesicht, das nicht mehr sprechen will und auch im Schweigen nicht mehr spricht.

An diesen Rändern einer lauten, bunten Realität, wie sie überall ein bisschen laut ist für Leute, die schreiben, begegnen sie sich: Jamal (Rob Brown) und Forrester (Sean Connery). Der Anfänger und der Aufhörer. Der Vaterlose und der Sohneslose. Das Ebennochkind und der Fastschontot. Und nun, ja nun muss leider die Geschichte anfangen. Die Konstellation, die zur Auflösung drängt. Mit Parallelen, die sich im Endlichen einer Kino-Normlänge schneiden. Mit ungewöhnlichen Leben, die sich im Gewöhnlichen eines Kino-Normdrehbuchs schneiden.

"Forrester - Gefunden!", diese Geschichte vom aufhaltsamen Aufstieg Jamals, vom aufhaltsamen Ausstieg Forresters, von der Stunde schließlich, in der sich eine vorsichtig wachsende Freundschaft bewährt: Man muss sie nicht erzählen. Man muss nur ins Rezeptbuch des Kinos schauen. Man nehme eine große Chance und eine kleine Liebe oder umgekehrt. Man nehme eine gute Mutter und einen bösen Lehrer oder umgekehrt. Man nehme eine schwere Krise und einen leichten Sieg oder umgekehrt. All das ist auf der großen Rolle der tausend Mal gesehenen Filme vorgezeichnet. Wir hören sie rattern, während wir sehen.

Gus van Sant hat mit "Good Will Hunting" eben dieses Rezept schon einmal probiert, damals mit dem jungen Mathe-Genie namens Matt Damon und dem älteren, ziemlich verkauzten Psycho-Doktor. Aber Robin Williams ist ein Wahnsinns-Schauspieler, und deshalb ging die Sache gut. Diesmal darf der Schauspielneuling Rob Brown sich rühmen, neben dem großen Sean Connery bestanden zu haben. Aber, Hand aufs Herz und weg von den Augen: Ist der wirklich so groß? Ist er nicht furchtbar langweilig? Hat er nicht nur diese eine, diese eine einzige Aura? Nicht auszudenken, was Michael Caine oder Harvey Keitel aus diesem Film hätten machen können.

Aber gehen wir trotzdem rein. Gucken wir ihn. Das Gedächtnis besorgt schon den Rest. Auch gesehene Filme verwandeln sich so manchmal wundersam zurück in nie gedrehte und lassen nur einen Traum zurück. Gerade so wie ungeschriebene Bücher: Immer erzählen sie uns davon, wie wunderbar es hätte werden können, wenn.

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