Kultur : Forschungsstandort: Adlershofer Allerlei

Falk Jaeger

Wenn Stefan Jähnichen, der Sprecher der Forschungseinrichtungen in Adlershof, von Architektur spricht, meint er keineswegs die neuen Häuser, in denen er und seine Kollegen täglich die Welt neu erfinden. Er ist Vorsteher des Instituts für Rechnerarchitektur und Softwaretechnik und hat die Organisation von Rechnerleistungen einerseits, von Forschungskapazitäten andererseits im Kopf. Doch die virtuellen Welten, die in den Köpfen der meisten Neu-Adlershofer Gestalt annehmen, kommen ohne die Realitäten von Beton und Glas nicht aus. Eigenes Intranet hin, komfortable Infrastruktur her - auch eine hypermoderne Wissenschaftsstadt will städtebaulich organisiert sein.

Recht konventionell ist der Rahmenplan ausgefallen, nach dem man das Gelände des ersten deutschen Motorflughafens Johannisthal neu geordnet hat. Grundeigentum, Baurecht und Finanzdecke sowie eine große Zahl zu erhaltender, teils denkmalgeschützter Bauten engten den Spielraum der Planer ein.

Vom charakteristischen Achteck des Flugfeldes bleiben Rudimente erhalten in Form von Promenaden und Rändern des zentralen Landschaftsgartens. Die übrige Fläche wurde durch ein Straßenraster erschlossen und parzelliert. Der Großteil des südöstlichen Geländes beiderseits der Rudower Chaussee war schon zu DDR-Zeiten als Standort für sensible Einrichtungen - Militärtechnik, Forschung, Deutscher Fernsehfunk und DEFA-Filmwerke - städtebaulich recht unpraktisch organisiert. Daran hat sich nicht viel geändert. Eine Hauptforderung, die der Städtebauer Raymond Unwin schon 1910 formulierte, lautet: "Zuerst muss das Hauptzentrum bestimmt und die nächstliegenden Viertel in geeigneter Verbindung und Verteilung auf die Haupt- und Nebenzentren angeordnet werden". Sodann "können die Nebenstraßen in die Hauptstraßen geführt werden", wonach alle wichtigen Verbindungen gewährleistet seien, "ohne Symmetrie und Schönheit des Gesamtentwurfes zu zerstören".

Kunst im Achteck

In Adlershof ist dieses Prinzip nicht beherzigt. Die Orientierung auf dem Gelände fällt nicht gerade leicht. Die der wissenschaftlichen Nomenklaturen und Abkürzungen nur bedingt mächtigen Lieferanten verfeuern manchen Liter Sprit bei der Suche nach dem MBI - Max-Born-Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie, den Photonik-Zentren I und II, dem UTZ - Zentrum Umwelt- und Energietechnologie, dem OWZ - Ost-West-Kooperationszentrum, dem IGZ - Innovations- und Gründerzentrum oder BESSY II, der Berliner Elektronenspeicherringgesellschaft für Synchrotronenstrahlung mbH.

Angesichts des architektonischen Allerleis gelten die Anstrengungen der Berlin Adlershof Aufbaugesellschaft BAAG der Gestaltung des öffentlichen Raumes als integrierender Faktor. Der städtebauliche Entwurf von Jourdan und Müller aus einem Gutachterverfahren wurde unter Mitarbeit von Hartmut und Ingeborg Rüdiger sowie Otto Steidle und Hildebrand Machleidt weiterentwickelt. Machleidt ist seitdem für die Umsetzung dieses "Konsensplanes" verantwortlich. Straßenprofile, Vorgartenzonen, Stadtmöblierung und Baumkonzept entstanden als Gemeinschaftswerk vieler Beteiligter, den zentralen Natur- und Landschaftspark entwarf Gabriele G. Kiefer, das Kanalufer mit der Schiffsanlegestelle und die privaten Freiflächen des Wissenschafts- und Wirtschaftsstandorts WISTA gestaltete Regina Poly.

Im Unterschied zu den Freiflächen hat sich eine irgendwie geartete, ablesbare architektonische Ordnung oder Hierarchie, wie sie etwa das FOCUS in Moabit auszeichnet, nicht entwickeln lassen. So findet sich der "Computerzoo" (so der Physiker und Bessy-Chef Eberhard Jaeschke) inzwischen in einem Architekturzoo wieder. Zu besichtigen sind schlichte Plattenbauten, solche im ärmlichen Urzustand und aufwändig renovierte, daneben solide Institutsbauten der fünfziger Jahre, skurrile Betoneier und Riesenpustefixe des "Aerodynamischen Parks" der Flugzeugwerke von 1930 neben sauber restaurierten ehemaligen Hangars und Kasernenblocks des Wachregiments Feliks Dzierzynski, dazu die Verwaltungszentrale der landeseigenen WISTA-Management GmbH, das 1936 von Hermann Brenner errichtete Akademiegebäude. Die DDR hatte es (damals noch stilvoll) als Akademie der Wissenschaften der DDR nobel eingerichtet, um ihre besten Köpfe am Abwandern in den Westen zu hindern.

Fliegendes Tafelservice

Die Lieblinge des Fachpublikums im Adlershofer Architekturzoo sind jedoch einige der Neubauten auf dem Gelände des WISTA. Neben einer Reihe von banalen Büro- und Institutsneubauten brilliert vor allem das Zentrum für Optik, Optoelektronik und Lasertechnologie (Photonikzentrum II), das die Architekten Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton in zwei Gebäuden mit amöboidem Grundriss untergebracht haben. Die charakteristischen Bauten mit ihren bunten Glasfassaden gehören inzwischen zu den bekanntesten Berliner Architekturen und sind mehrfach ausgezeichnet worden. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass es sich um technisch hoch ausgerüstete, dabei nutzungsflexible Bauten mit einem intelligenten Konstruktions- und Klimasystem handelt. Wie unterschiedlich Architekten dieselbe Aufgabe angehen, zeigt das Photonikzentrum I der Wiener Architekten Laurids und Manfred Ortner. Die beiden rationalistischen Baublöcke sind respektable Architektur, die sich nicht verstecken muss, doch sie entbehrt jeglicher Signifikanz und bleibt unbeachtet im Hintergrund.

Schräg gegenüber steht das mit seiner lang gestreckten Fassade dem gebogenen Straßenverlauf angeschmiegte, derzeit großenteils von der Humboldt-Universität genutzte "WISTA Business Center", das die Berliner Architekten Dörr, Ludolf und Wimmer entwarfen. Transparenz und Offenheit bestimmen den Charakter der Architektur, die ungezwungen detailliert ist. Spektakulärer tritt das Zentrum für Informationstechnologie der Holländischen Architektengruppe Cepezed B.V. aus Delft auf den Plan. Attraktion des ansonsten uninspirierten und im Detail unüberlegten Hauses ist die viergeschossige Halle im unteren Gebäudeteil. Mächtige V-Rundrohrstützen tragen die oberen Geschosse, von denen drei ovale Plattformen ("fliegende Saucieren") abgehängt sind, die im Raum schweben. Man kann sie fotografisch äußerst attraktiv ins Bild setzen, doch nie haben sich dort exhibitionistisch veranlagte Mitarbeiter auf diesen von allen Gängen aus einsehbaren Präsentiertellern niedergelassen, um eine Besprechung oder gar die Frühstückspause abzuhalten. Auch die lang gezogenen Treppenrampen werden vom Personal gemieden, das über den Hitzestau in der Treppenhalle Klage führt. Plumpe, unverständlich hoch liegende Fenster, aus denen man im Sitzen keine Aussicht hat und eine allzu rüde Ausstattung lassen vermuten, dass es den jungen Architekten vor allem auf die Realisierung einer formalen Idee ankam.

Zweifellos gut brauchbar, wenn auch in seiner gepflegten süddeutschen Moderne etwas langweiliger, steht das natürlich mit inneren Werten aufwartende Elektronensynchrotron BESSY II an der Albert-Einstein-Straße. Das Stuttgarter Büro Brenner und Partner ist derzeit schon mit einer Erweiterung des Verwaltungstraktes befasst. Die Darmstädter Schule ist mit den Architekten Jo Eisele, Nicolas Fritz und Helmut Bott vertreten, die das Zentrum für Umwelt- und Energietechnologie an der Volmerstraße entwarfen. Einige an der Südseite mit Fotovoltaik tapezierte Fassadenfelder sind wohl dem Zweck des Gebäudes geschuldet und mehr symbolischer Art. Ansonsten handelt es sich keineswegs um Öko-Architektur, vielmehr um eine interessante Kombination aus Deutsch-Schweizer Minimalismus und archaischer Moderne, die mit einer monumentalen Pfeilerreihe ein gewisses Pathos anschlägt. Gleichwohl zeigen die Hofdurchgänge des erst zu zwei Dritteln realisierten, im Grundriss mäanderförmigen Gebäudes richtige Raumkunst - eine Seltenheit.

Noch ist die Wissenschaftsstadt nicht komplett, gibt es viel Arbeit für die BAAG. Auf dem Areal des ehemaligen DFF, zeitgemäß-anspruchsvoll "Medien City" genannt, wächst gerade Deutschlands größtes Studio heran. Entlang der S-Bahn sind Wohnungen, Läden und Restaurants geplant. Mit der Straßenbahnlinie, dem Autobahnanschluss und weiteren Erschließungsmaßnahmen will man die etwas hermetische Situation des Quartiers aufbrechen und die Wissenschafts-, Forschungs- und Medienstadt mit der umgebenden Stadtstruktur verknüpfen. In zehn Jahren soll das 5-Milliarden-Mark-Projekt auf 420 Hektar vollendet sein, sollen 25 000 Menschen hier einen Arbeitsplatz gefunden haben. Ein besonderer Gewinn für Stadtkultur und Architektur wird es wohl nicht werden.

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