Foto : Dunkle Sterne

Die Villa Oppenheim zeigt die Fotosammlung Paviot.

Jens Hinrichsen

Stundenlang kann man in die Sonne blicken, ohne zu erblinden. Im Entrée der Villa Oppenheim sind historische „Spektroheliogramme“ zu sehen. Diese Filtertechnik enthüllte die dunklen Kerne der Sonnenflecken, wie sie der Astronom Jules Jansen 1877 fotografierte: schwarze Kleckse auf der spröden Haut einer glühenden Kugel. Selbst hier ist Schatten. Goethe verschlug es die Sprache: „Die Natur des Lichts wird wohl nie ein Sterblicher aussprechen, und sollte er es können, so würde er von Niemandem, so wenig wie das Licht, verstanden werden.“

Die moderne Physik lieferte brauchbare Erklärungsmodelle. Licht sei der sichtbare Bereich der elektromagnetischen Strahlung, sagt das Lexikon. Die Ausstellung „Lichtstoff“ spürt den Geheimnissen dieser Strahlung nach. Und das Auswahl-Prinzip? Ultraviolett, infrarot, nicht ersichtlich. Die Kuratoren Dieter Appelt und Angela Lammert haben offensichtlich Goethe beim Wort genommen, der vom unergründlichen Wesen des Lichts sprach. Nun also: eine unergründliche Ausstellung. Der Ausstellungstitel verweist auf physikalische Theorien des 19. Jahrhunderts, die Exponate stammen vom Pariser Galeristenpaar Françoise und Alain Paviot. Gezeigt werden vorwiegend kleinformatige Arbeiten bis in die Dreißiger, ohne zwischen Kunst und Wissenschaft zu trennen.

Die „Chronofotografien“ von Jules Étienne Marey und Berenice Abbott befinden sich ohnehin zwischen Studium und Freistil. Ein Hammerschwung (Marey 1894) und das Kreisen eines am Band befestigten Balls (Abbott 1958) werden mittels unterbrochener Belichtung in Bewegungsphasen zerlegt. Optische Technomusik. Neben den astronomischen Fotografien sind die Paviots von okkulten Bildern fasziniert. Experimentatoren wie Adrien Majewski oder Hippolyte Baraduc glaubten Ende des 19. Jahrhunderts an eine magnetische Kraft, die zur Visualisierung von Gedanken und Krankheitssymptomen taugt. Eine solche „Fluidalphotographie“ von Jakob Ottonowitsch von Narkiewitsch-Jodko zeigt dessen Handabdruck (1895). Von den Fingerkuppen strahlen Mikroblitze ab. Benötigt wurden für die „Fluidalphotographie“ nur lichtempfindliche Platten, was sie mit Pflanzenfotogrammen von Amelia Bergner (1860 und 1870) zusammenbringt.

Wer Entstehungszeit und Urheber der assoziativ gehängten Fotos erfahren will, muss mühsam Raumpläne studieren. Kopfzerbrechen bereitet auch die Ergänzung mit Originalabzügen von Man Ray, Brassaï, László Moholy-Nagy oder Wols. Den Kuratoren gelingt es selbst im Katalog nicht, die Auswahl zu erklären. Andererseits: Die blendenden Schätze aus der Schatulle der Paviots überstrahlen das konzeptuelle Manko. Jens Hinrichsen

Villa Oppenheim, Schloßstraße 55, bis 26. 4.; Di-Fr 10-17, So 11-17 Uhr.

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