Fotoausstellung in der Berlinischen Galerie : Ohne Bild war ich nicht da

Wenn Fotografen auf Reisen gehen: Mit der mitreißenden Ausstellung „Die fotografierte Ferne“ demonstriert die Berlinische Galerie die Stärke ihrer Sammlung.

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Poesie der Bahnfahrt. Tim N. Gidal zeichnet eine Reise von München nach Berlin im Jahr 1931 mit der Kamera als Erzählung in Bildern auf.
Poesie der Bahnfahrt. Tim N. Gidal zeichnet eine Reise von München nach Berlin im Jahr 1931 mit der Kamera als Erzählung in...Foto: The Israel Museum, Jerusalem

„Du hast den Farbfilm vergessen“, sang die 19-jährige Nina Hagen 1974 ihrem „Michael“, und weiter: „Nun glaubt uns kein Mensch, wie schön’s hier war.“ Die DDR hatte einen Hit, der eine Urkatastrophe des modernen Menschen beschreibt: von der Urlaubsreise keine Fotos – in Ninas Fall: keine bunten – mitbringen zu können, sodass das Erlebte „später nicht mehr wahr“ ist.

Reisen ohne Fotografie, das geht gar nicht. Das Reisen entsteht überhaupt erst im Medium der Fotografie. Die Weisheit dieser Erkenntnis muss wohl Ulrich Domröse, der Leiter der Fotografiesammlung der Berlinischen Galerie, zum Ausgangspunkt der Ausstellung „Die fotografierte Ferne“ genommen haben, deren Untertitel – man muss genau lesen – „Fotografen auf Reisen“ lautet, also nicht allgemein Reisefotografie zeigt, ja nicht einmal den Teilbereich der professionellen Reisefotografie, sondern das, was Fotografen als Beschreibung ihrer Reisen hinterlassen.

Ob sie sich dabei tatsächlich reisend bewegen müssen und wenn, ob das dem landläufigen Begriff des Reisens entspricht, ist zweitrangig. Wenn etwa Ulrich Wüst, der als DDR-Bürger nicht in seine Sehnsuchtsländer Italien und Griechenland reisen durfte, dies nach dem Fall der Mauer nachholt, dann entdeckt er in der Ferne – die heimische, zwangsweise heimische DDR. Hans Pieler und Wolf Lützen, zwei weniger bekannte westdeutsche Fotografen der Generation um 1950, sind umgekehrt auf der Transitstrecke Berlin–Hamburg, der alten Reichs- und heutigen Bundesstraße 5 entlanggefahren, 1984, und haben verbotenerweise den DDR-Apparat zur Zeit seiner vollendetsten Ausprägung beobachtet. Stellt man sich das unter einer Reise vor? Tele-Fotos vom „Objekt“, wie die Grenzabfertigung hieß und auf einem Foto tatsächlich nachzulesen steht?

Reproduktionen der Bilder, die immer schon im Kopf sind

Von solchem Hintersinn ist die Ausstellung, die Ulrich Domröse überwiegend auf türkisblaue Wände montiert hat, was für Schwarz-Weiß-Fotos erstaunlich gut funktioniert. Schwarz- Weiß ist überhaupt das eigentliche Medium der Fotografie, will es hier scheinen; nicht als Nostalgie, weil die Farben fehlen, sondern weil alles viel präziser zur Anschauung kommt. Die kleinen 6x9-Abzüge, die Karl von Westerholt vermittels eines früher für Familienalben beliebten Schneideapparates mit gezacktem Rand versehen hat, bringen weltbekannte Sehenswürdigkeiten auf denselben Nenner: als Bestätigungen, ja Reproduktionen der Bilder, die der Betrachter immer schon im Kopf hat.

Viele heutige Fotografen arbeiten farbig, das soll gar nicht abgewertet werden. Doch dann werden die Farben so blass wie bei Hans-Christian Schinks Japanreise 2012 oder so belanglos wie bei den Aufnahmen von den Alltäglichkeiten des Reisens wie bei Wolfgang Tillmans, der Passkontrollen oder Flugzeugtriebwerke aufnimmt und mit ihrer Banalität jede Reise(vor-)freude enttäuscht.

Wolfgang Tillmans fängt die Banalität des Reisens ein.
Wolfgang Tillmans fängt die Banalität des Reisens ein.Foto: Wolfgang Tilmans

Das lenkt den Blick auf die große Zeit des Reisens, die eben nicht zufällig die große Zeit der Schwarz-Weiß-Fotografie ist. Tim Gidal (1909–1996) hat eine wunderbare Reportage „Reise nach Berlin“ komponiert, von München nach Berlin. Gidal war Fotoreporter; und gleich ihm hat der berühmte Erich Salomon (1886–1944 Auschwitz) bei zwei Fernreisen in die USA Reportagen gefertigt, die man nicht eigentlich als Reisebilder bezeichnen mag. Anders Marianne Breslauer (1909–2001), die auf ihren, damals nur wenigen vorbehaltenen Auslandsreisen noch den aufgeschlossenen Blick fürs Fremde hat, der im Massentourismus verschütt ging. Eine Spezialdisziplin pflegte Robert Petschow (1888–1945): Er war Luftbildfotograf und schuf ein Werk von rund 30000 Negativen vom Ballon, Zeppelin und Flugzeug aus.

Nach dem Krieg haben die 1930 in Dresden geborene Evelyn Richter in der Sowjetunion 1957 und der 1936 gebürtige Münchner Thomas Hoepker in den USA 1963 mitreißende Reportagen gemacht, auf dem höchsten Niveau der nüchternen Magazin-Fotografie, wie sie durch die Wanderausstellung „The Family of Man“ oder die Arbeiten der Agentur Magnum vermittelt wurden, durchaus bis in den Ostblock hinein.

Leistungsschau des Museums als Institution

Alle in der Berlinischen Galerie gezeigten rund 180 Fotos von 17 Künstlern entstammen der eigenen Sammlung. So ist die Ausstellung zugleich eine Leistungsschau des Museums als Institution. Man durchwandert sie zunehmend beschwingt, auch da, wo die Bilder nichts Schönes zeigen, jedenfalls keine „Reise“ im herkömmlichen Sinn vorspiegeln.

Es ist an der Zeit, den Aufschwung der musealen Beschäftigung mit der Fotografie festzustellen, den Berlin in den zurückliegenden Jahren zu verzeichnen hat. An der Berlinischen Galerie wurde Fotografie seit jeher gepflegt, man denke an die sensationelle Wiederentdeckung des fotografischen Nachlasses von Heinrich Zille durch Janos Frecot 1987.

Ganz zu Beginn der Ausstellung herrscht allerdings doch die Farbe: handkoloriert in den Aufnahmen aus Japan, die die europäische Vorstellung von der Exotik des fernen Landes bedienten. Und den unstillbaren Wunsch, die Welt farbig zu „besitzen“, den Nina Hagen ein Dreivierteljahrhundert später erneut besang. Damit sie, die Welt, „wahr“ werde.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, bis 11. September. Katalog bei Prestel, 29,80 €., im Buchhandel 39,95 €.

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