Fotografie : Die unretouchierte Frau

Sie war das erste weibliche Mitglied der Agentur Magnum: Ein Bildband und eine Münchner Ausstellung würdigen Eve Arnold.

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Bel Air 1959. Joan Crawford schminkt sich für ihren Film „Alle meine Träume“.
Bel Air 1959. Joan Crawford schminkt sich für ihren Film „Alle meine Träume“.Foto: ©Eve Arnold / Magnum

Fotografie ist ein Geduldsspiel. Wer den einen, entscheidenden Moment einfangen will, braucht Hartnäckigkeit und Durchsetzungskraft. „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, bist du nicht nah genug dran“, hat Robert Capa gesagt. Von dem großen Kriegsfotografen habe sie gelernt, „Risiken einzugehen, etwas zu wagen, auf der Suche nach Abenteuern die ganze Welt zu bereisen“, schreibt Eve Arnold in ihren Memoiren. Sie stieß 1951 als erste Frau zur Fotoagentur Magnum, die bis dahin ein reiner Männerclub war, in dem ein hemingwayesker Kult um Mut und Härte gepflegt wurde. Kriege hat Arnold nicht fotografiert. Abenteuer fand sie anderswo.

In Harlem etwa, wo sie Bars, Restaurants und Kirchen besuchte, in denen schwarze Frauen selbstgefertigte Mode zeigten. Meist war sie die einzige Weiße. „Es war die Zeit vor dem Aufschwung der Bürgerrechtsbewegung. Damals gab es noch keine erkennbare Feindseligkeit zwischen den Rassen. Die Menschen lächelten und fingen an, vor der Kamera zu posieren.“ In Haiti hielt sie nächtliche Voodoo-Rituale fest. Tanzende Menschen, aus einem Topf steigt magisch leuchtender Rauch auf, ein Mann malt Kreideornamente auf den Boden.

In der Inneren Mongolei fotografierte Eve Arnold Reiterakrobaten, Bauern, Fischer und Soldatinnen, im Apartheits-Südafrika eine Hebamme bei ihrer Arbeit in einem ärmlichen Zulu-Krankenhaus. In Afghanistan begegneten ihr Überlandbusse mit Trauben von Fahrgästen auf dem Dach und Reiter in traditionellen Gewändern, die beim Buzkashi-Spiel um eine tote Ziege kämpfen. Eine Welt aus Staub, Felsen, Sonne und strahlenden Farben. Als die Fotografin das Land bereiste, 1969, herrschte Frieden, die riesigen, später von den Taliban gesprengten Buddha-Statuen von Bamiyan standen noch. Es waren „drei der glücklichsten Monate meines Arbeitslebens“.

Berühmt geworden ist Eva Arnold, die heute vor hundert Jahren, am 21. April 1912, in Philadelphia geboren wurde und am 4. Januar 2012 in London starb, vor allem mit ihren Bildern von Filmstars. Zum Jubiläum wird sie mit einem prachtvollen Bildband und einer Ausstellung in München gefeiert, ihrer ersten Einzelausstellung in Deutschland überhaupt. Für Glamour hat sich Arnold nicht interessiert, ihr ging es um den Augenblick, in dem die Posen enden. Auf ihren Fotos zeigt sich die Arbeit, die es braucht, ein Star zu sein. Denn die eigentlichen Anstrengungen beginnen erst, wenn die Kamera nicht mehr läuft: der Aufbau eines Images, der Kampf gegen das Älterwerden.

Orson Welles liegt mit priesterlich gefalteten Händen und einer Zigarre im Mund auf dem Bett, während ihm ein Assistent einen Lichtmesser an die Wange drückt. Dem alten, greisenhaft vornübergebeugten James Stewart wird am Set von „Der Flug des Phoenix“ die Nase geschminkt. Mit Sonnenbrille und zerknautschtem Strohhut ist er die Parodie des Westernheldens, der er einmal war. Anouk Aimée sitzt im Fond eines Autos und repetiert mit abwesendem Blick ihren Text. Marilyn Monroe – vielleicht das bekannteste Bild von Arnold – liest im Badeanzug den „Ulysses“ von James Joyce.

Der Fotografin gelang es immer wieder, intime Nähe zu den Menschen vor ihrer Kamera herzustellen. Joan Crawford durfte sie in BH und Unterhose im Hotelzimmer aufnehmen, beim Schminken, Fußnägellackieren und Wimpernzupfen. Mit einer bandagierten Gesichtsmaske wirkt die Schauspielerin wie eine Mumie. Eine Diva, unterwegs zum Biest, das sie ein paar Jahre später in „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ verkörpern sollte. „Sie wollte ihren Fans zeigen, wie sehr sie dreißig Jahre lang alles daran gesetzt hatte, sich auf der Höhe des Erfolgs zu halten.“ Eine ähnliche Selbstentblößung eines Stars im heutigen Hollywood wäre undenkbar.

Eve Arnold weigerte sich, ihre Aufnahmen nachträglich zu verändern. Ein Prinzip, das sie selbst gegenüber der Kontrollfanatikerin Marlene Dietrich durchhielt, die sie bei Plattenaufnahmen fotografierte. „Als Marlene die Bilder durchsah, notierte sie Hinweise für die Retusche: das Kinn kürzen, die Taille schmaler machen, den Pickel vom Knie entfernen.“ Doch Arnold retuschierte nichts, und die Serie wurde weltweit in Zeitschriften gedruckt. Die Dietrich war dennoch zufrieden. Vielleicht, weil die Fotos zwar nichts beschönigen, sie aber in ihrer Lieblingsrolle präsentieren. Konzentriert vom Blatt singend, versunken in die Musik – der Weltstar aus Schöneberg als Hardest Working Woman in Showbusiness.

Auf Filmsets hat Arnold bis Mitte der achtziger Jahre gearbeitet. „Ich erinnere mich, sie war sehr klein, vielleicht ein Meter fünfzig, unglaublich warmherzig und mit einem Lächeln in ihren Augen. Als Erstes zog sie ihre Schuhe aus – und blieb dann für Wochen“, erzählte Isabella Rossellini in einem Interview. Ausdauer und Einfühlungsvermögen waren Arnolds stärkste Waffen. Und die Fähigkeit, sich mit Menschen, die sie fotografierte, anzufreunden. Ein Buch von ihr heißt „The Unretouched Woman“, die unretouchierte Frau. Die Wahrheit der Gesichter zeigen, das wollte Eve Arnold.

„Eve Arnold: Hommage“, hg. v. Isabel Siben u. Andrea Holzherr, Schirmer/Mosel Verlag, 184 S., 39,80 €. – Ausstellung: bis 3. Juni im Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern in München

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