Fotografie : Fluss ohne Wiederkehr

Der Dämon Fotografie: Die Indianer am Amazonas waren längst entdeckt. Aber erst durch die Bilder kamen sie in die Welt.

Caroline Fetscher
Indianer
Dieses Aquarell zeigt Eingeborene in Brasilien. -Fotot: akg-images

Zwei unbekleidete, mit Körperbemalung versehene Männer in einer Siedlung im Tropenwald zielen mit Pfeil und Bogen nach oben. Von oben, aus einem Hubschrauber oder einer Cessna, zielen andere mit der Kamera nach unten auf die Personen in der Siedlung. Ein Foto entsteht, wird in rasender Schnelle multipliziert, rund um den Globus gedruckt, gesendet und kommentiert. Es gilt als Ausweis, Beweis für das plötzliche Auftauchen eines bisher unbekannten „steinzeitlichen“ Stammes im brasilianischen Amazonasgebiet.

Wo es in den Medien minimal wissenschaftlicher zugeht, ist von der Entdeckung der „Metyktire“ die Rede. Von einer „Entdeckung“ darf freilich schon deshalb keine Rede sein, weil dieselben Metyktire, wie die Nachrichtenagentur Associated Press exakt vor einem Jahr, am 1. Juni 2007, meldete, bereits der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Damals war es allerdings eine Nachricht ohne Bild. Der Stamm der Metyktire zähle etwa 87 Mitglieder, sei 2000 Kilometer nordwestlich von Rio de Janeiro aufgetaucht, die Indianerbehörde „Funai“ ordne ihn als Subgruppe der Kayapo ein, die im etwa 4, 9 Millionen Hektar großen Indianerreservat Menkregnoti von der Größe Österreichs leben, berichtete damals etwa die „International Herald Tribune“.

Mario Moura, ein Funai-Sprecher, erklärte seinerzeit, die Kayapo hätten lange keinen Kontakt mit den Metyktire gehabt, aus Furcht vor Infektionen der Isolierten solle der Annäherungsprozess langsam geschehen. Die Metyktire sollen sich erst in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts vom Hauptstamm der Kayapo entfernt haben, hieß es auch. Die Kayapo selber gehören seit mehr als zwei Jahrzehnten zum Authentizitäts-Repertoire der Konferenzen von Regenwaldschützern, da ihr Habitat zunehmend durch selektiven Nutzholzeinschlag, wilde Siedler, die Umwandlung von Tropenwald in Rinderzuchtgelände und Plantagen bedroht wird.

Ohne Fotos hatten die Metyktire für die Weltöffentlichkeit nicht wirklich existiert. Wir nehmen etwas erst zur Kenntnis, wenn wir es sehen können. Millionen medial Versorgter befinden sich in einer Epoche manifesten Bilderglaubens, in einer elektronisch dynamisierten „Ikonarchie“. Zum Faszinosum wird das Bild dieser „Steinzeitmenschen“, indem es einer Ikonografie entsprungen scheint, die sonst nur in Gestalt von Filmmonstern und Videospielfiguren geboten wird: Primitive Wesen aus anderen Welten werden lebendig. Dem Publikum begegnet eine direkt aus dem Symbolischen ins Reale hinübermutierte Freak-Show.

Wir erfahren von dieser Entdeckung der Metyktire auf eine ähnliche Weise, wie Alexander von Humboldt einst neue Pflanzenarten beschrieb oder die Nasa einen neuen Stern publik macht. Sie bleiben ein Naturphänomen, sie werden nicht als gesellschaftliches oder soziales Phänomen begriffen. Wie generell in der Bezeichnung „Reservat“ als einem markierten Territorium für Menschengruppen die biologistische Analogie zum „Wildpark Serengeti“ aufscheint, so steckt in den Vokabeln, die öffentlich auf die „entdeckten Wilden“ angewendet werden, ein Gutteil des Arsenals kolonialer, rassistischer Ideenarchitektur. Die „edlen Wilden“, die in der Regel weder edel waren noch wild bleiben wollten, wurden jahrhundertelang mit ihren Bastmatten und Penishaltern, Bambusflöten und Steinäxten, Lippenringen und Schwirrhölzern, ihrem Maniokstampfer und Intimschmuck vorgeführt wie Pflanzen mit ihren Staubgefäßen und Blütenpollen.

Ein „glücklicher Stern“, schrieb der reisende Forscher Karl von den Steinen begeistert, habe ihn in Zentralbrasilien zu „Gruppen von Menschen in relativem Urzustand“ geleitet. Karl von den Steinen, der 1855 zur Welt kam, war Psychiater an der Charité in Berlin. Um die Behandlungsmethoden von Geisteskranken auf allen Kontinenten zu erkunden, unternahm er eine Weltreise. 1884 führte ihn eine fünfmonatige Expedition in die tropischen Regenwälder von Zentralbrasilien, schließlich wurde der gerühmte Mann 1904 Direktor der Abteilung Südamerika des Berliner Museums für Völkerkunde. Auf seiner Reise entlang des Xingú von dessen Quellgebiet bis zur Mündung in den Amazonas fand er, dass die Bewohner des oberen Xingú „noch in der Steinzeit lebten, (...) unberührt von jeder auch nur mittelbaren Einwirkung der Civilisation“.

Gleichwohl berichteten alle Reisenden, die sich länger in den Dschungeln des südamerikanischen Äquatorgürtels aufhielten, von regem Tausch und Handel der Gruppen untereinander, von Flusshäfen und Wasserwegen. Die Berichte zeugen auch vom häufig miserablen Gesundheitszustand der Einwohner, von Epidemien und erbitterten, mörderischen Fehden zwischen rivalisierenden Gruppen, von Frauenraub und gegenseitigen Überfällen.

Später, und zu seiner Enttäuschung, fand Claude Levi-Strauss bei seiner Feldforschung, wie er im ethnografischen Bestseller „Traurige Tropen“ (1955) schrieb, weder „echte Wilde“ noch „wirkliche Indianer“ im Amazonasgebiet. Kolonialer Einfluss machte sich überall bemerkbar, die Indianer, einmal berührt von der anderen Welt, machten sich aus ihrer alten fort, selbst der angeblich „unberührte“ Stamm, den er noch treffen wollte, war schneller: „Während der Ethnologe durch den dichten Urwald zu den Indianern irrt, sind die Indianer auf dem Weg zum Posten von Pimenta Bueno – sie hatten beschlossen, ihr Dorf zu verlassen und sich endgültig der Zivilisation der Weißen anzuschließen.“

Denn was, so stellte sich überall heraus, will „der Wilde“ in Wahrheit? Antibiotika, eine ausgebildete Hebamme, einen Zahnarzt, einen Kühlschrank, ein Kino. Wie alle anderen.

Zur Idealisierung eigneten sich die jenseits von Recht und moderneren Staatsformen lebenden Gesellschaften ebenso wie zur Dämonisierung. „Edel“ und „ primitiv“ waren zwei Seiten derselben Medaille. In beiden verbergen sich Kindheitsprojektionen der fernen europäischen Betrachter. So rein und unschuldig, doch zugleich so triebhaft und aggressiv wie diese Wesen „im Urzustand“ und auf einer Insel jenseits der „Civilisation“ war man auch einmal, wollte man gern einmal wieder sein, hat man ja, ach, im Grunde niemals sein dürfen.

Tatsächlich gab es schon zu kolonialen Zeiten keine sozialen Inseln, wie die Forscher damals bereits ansatzweise bemerkten. Das Amazonasgebiet war, auf subtile, auf den ersten Blick unsichtbare Weise, längst vergesellschaftet, es ist eine beachtlich aktive Kulturlandschaft. Keine Gruppe von Menschen überlebt in totaler Isolation, schon gar nicht, wenn sie kaum hundert Mitglieder zählt. Ihr Fortbestand wäre, allein durch inzestbedingte Krankheiten, nicht garantiert.

So erzählen die Metyktire, die „wir“ da entdeckt zu haben glauben, wieder einmal vor allem etwas über uns selbst, über das Begehren, die Sehnsüchte, den hartnäckigen, binären Mythenapparat aus Dämonie und Harmonie. Und sie verraten ebenso viel über die Rolle, die das medial vermittelte Bild in Fortsetzung der kolonialen Schriftstellerei dabei spielt.

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