Fotografie : Roger Melis: Geschichten in seinen Bildern

Roger Melis fotografierte die Arbeiter der ehemaligen DDR, ihr Umfeld und den Alltag. Seine eindringlichen Schriftstellerporträts sind zu Ikonen geworden. Am Freitagmorgen ist er gestorben.

Wenke Husmann

Es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, dann ist das Gesicht eines Menschen als Fotografie festgehalten. Man kann es anschauen, darf so lange draufstarren, wie man möchte. Das tut man, wenn das Porträt auch eine Geschichte erzählt. Die Aufnahmen von Roger Melis zogen einen geradezu hinein in die Porträtierten, in deren Gesichter, ihre Augen.

Davon kann Mark Lehmstedt berichten, der Mann, in dessen Verlag die Bildbände Melis' erscheinen. Auf der Buchmesse beobachtete er häufig, wie Menschen im Vorbeihasten plötzlich von einem der Porträts von Melis festgehalten und zum genauen Hinschauen gezwungen wurden. "Seine Bilder sind wie ein Sog", sagt Lehmstedt.

Melis wuchs im Haus seines Stiefvaters, des Dichters Peter Huchel, auf. Er arbeitete zunächst als wissenschaftlicher Fotograf an der Berliner Charité, bevor er nur noch freischaffend arbeitete. Früh fotografierte er die Dichter der neueren deutschen Literatur – Anna Seghers, Christa Wolf, Thomas Brasch, Franz Fühmann und Heiner Müller. Er schuf dabei Porträts, die inzwischen ikonografischen Wert haben, wie das des Wolf Biermann, den er 1975 auf der Weidendammer Brücke in Berlin ein Jahr vor seiner Ausbürgerung noch als "Preußischen Ikarus" porträtiert hatte. Oder das Bild der Dichterin Sarah Kisch, wie sie auf ihren gepackten Kisten sitzt, 1977, bereit zur Ausreise.

Doch Melis fotografierte nicht nur Schriftsteller, sondern auch die Arbeiter der DDR in ihrem Arbeits- und Lebensumfeld. Seine atmosphärisch dichten, oft symbolhaften Bilder beleuchten nüchtern und kritisch den Alltag, die Arbeitsbedingungen und die politischen Rituale im realen Sozialismus. Sie zeugen von der Skepsis und Resignation der Ostdeutschen, aber auch von ihrem Stolz, ihrem Widerspruchsgeist und ihren Sehnsüchten. "Er beobachtete sehr genau", sagt Lehmstedt. "So konnte er Bilder machen, die einen zweifachen oder gar dreifachen Boden hatten." Seine Bildreportagen dokumentieren nicht nur ostdeutsches Leben, sondern die eines industriellen Zeitalters, wie es das auch Jahre zuvor im Ruhrgebiet oder noch früher in den USA gegeben hatte.

Wegen eines Beitrags für die Zeitschrift Geo durfte Melis von 1981 an nicht mehr für die DDR-Presse arbeiten und konzentrierte sich auf Buch- und Ausstellungsprojekte. Erst 1989 wandte er sich wieder der Reportage- und Porträtfotografie zu.

Am Freitagmorgen ist er im Alter von 68 Jahren gestorben. Seine Fotografien werden noch viele Geschichten erzählen.

Quelle: ZEIT ONLINE

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