Kultur : Fototapeten

Verschneit: „Bergkristall“ von Joseph Vilsmaier

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Jeder Mensch verdient – nach einer Durststrecke – eine neue Chance, ganz gewiss auch ein Filmregisseur. Vielleicht auch eine dritte oder vierte. Zumal, wenn er wegen was Gutem, wenn auch Fernen, in Erinnerung ist. Joseph Vilsmaier zum Beispiel, heute 65, besaß mal, ungewöhnlich für einen deutschen Regisseur seiner Generation, ein Gespür für die Natur. Mit dem Gebirgsdrama „Schlafes Bruder“ (1995) bot er eine starke Regieleistung, an die er mit seinem neuen Film „Bergkristall“ hätte anknüpfen können.

Die gleichnamige Novelle von Adalbert Stifter war bereits 1949 Vorlage für das Regiedebüt von Harald Reinl. Der war ein Schüler von Leni Riefenstahl, die wiederum mit Luis Trenker aus der Schule des BergfilmPioniers Arnold Fanck kam. Man kann gegen diese Bergfilme sagen, was man will – als Zuschauer ist man mitten im Geschehen, man spürt den eisigen Wind und fürchtet sich vor dem Absturz in eine Gletscherspalte. Nicht so bei Vilsmaier. Er präsentiert abgelegene Dörfer und verschneite Berge, die wie eine Wandtapete aussehen.

Bleiben die Figuren, deren Führung bislang nicht Vilsmaiers Stärke war. Katja Riemann und Herbert Knaup finden als großstädtisches Ehepaar mit zwei Kindern Zuflucht im Haus eines bayerischen Dorfpfarrers, während draußen eine Lawine herabrollt. Die Kinder werden auf einen Bergkristall aufmerksam, und der Pfarrer erzählt dessen 150 Jahre alte Geschichte. In der stimmt fast gar nichts, angefangen mit der Sprache: sauberstes Hochdeutsch. Einige der Konflikte berühren. Der Schuster Sebastian (Daniel Morgenroth) macht sich im Dorf unbeliebt, als er mit Susanne (Dana Vavrová) eine Frau aus einem fremden Dorf heiratet. Das Paar trennt sich wieder. Darunter leiden die Kinder Konrad (Francois Göske) und Sanna (Josefina Vilsmaier), die weite Strecken zurücklegen, um beide Elternteile sehen zu können.

Die kleinen Akteure retten den Film halbwegs – nicht vom Dialekt her, aber emotional. Schade, dass sie ihre größte Szene in einer Plastikdekoration spielen müssen. Was eine vereiste Höhle sein soll, sieht aus wie eine Dorfdisco. F.N.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Cubix am Alex, Kulturbrauerei, Neues Kant

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