Francis Ford Coppola : Der Visionär unter Hollywoods Regisseuren

Seine Markenzeichen: große Brille, große Familie, große Pläne. Francis Ford Coppola ist der Selbstdarsteller unter den Regisseuren des New Hollywood. Jetzt wird er 70.

Christina Tilmann

Francis Ford Coppola. Der Genussmensch. Der Verschwender. Dreht ganz große Filme oder ganz große Flops. Mainstream oder Autorenfilm. Oper oder Konversationsstück. Wollte immer unabhängig sein mit seinem Studio Zoetrope, und ist dafür mehrfach fast pleitegegangen. Hat zuletzt zehn Jahre lang keine Filme mehr gedreht, und dann mit „Jugend ohne Jugend“ 2007 selbst die geneigte Fangemeinde eher verstört. Heute legt Coppola längst nicht mehr von Filmerfolgen, sondern als erfolgreicher Winzer in Kalifornien. „Ich musste mir erst Weinberge kaufen, um finanziell unabhängig zu sein“, sagt er stolz. Intellektuell unabhängig war er schon immer.

Wie die Weine, so die Filme. „Sie sind teuer, haben lange Produktionszeiten, und es dauert lange, bis sie auf den Markt kommen“, schrieb ein Weinkritiker über Coppolas Produkte des Rubicon Estate in Napa Valley. Doch auch einige der Filme, die auf Coppolas geistigem Nährboden gedeihten, sind eindeutig Jahrhundertgewächse. Filme, die die Möglichkeiten des Kinos sprengen, die (unvollendete) Vision bleiben, die Maßstäbe setzen. „Apocalypse Now“ vor allem, die Katastrophenproduktion, die auch in neu geschnittener, deutlich verlängerter Director’s-Cut-Version ein faszinierendes Rätselwerk bleibt. Und natürlich die „Paten“-Trilogie, die mindestens so viel über Coppolas Verständnis von Familie sagt wie über Verbrechen, Kino und Amerika.

Ein Einzelgänger war er schon immer, der in Detroit geborene Künstlersohn, der als Junge wegen Kinderlähmung ein Jahr lang allein im Krankenhaus war, an der Uni als Technikfreak galt und dann, gemeinsam mit Martin Scorsese, George Lucas, Brian de Palma und Steven Spielberg, in den Siebzigern das Hollywoodkino revolutionierte. Wobei Francis Ford Coppola immer ein Sonderfall blieb. Außenseiter und Enfant terrible, visionärer Kopf und Strippenzieher, Familientier und Diktator zugleich.

Es ist ein Leben, das zum Roman taugt, zum Familienroman. Die Coppola-Sippe ist eine der großen Künstlerfamilien – und hielt immer eng zusammen, auch bei der Arbeit. Vater Carmine Coppola, Sohn italienischer Einwanderer, war Musikarrangeur und Soloflötist und hat immer wieder Filmmusiken für den Sohn komponiert. Bruder August Floyd Coppola und Schwester Talia Shire, der Neffe Nicolas Cage, alle sind Schauspieler und wirkten in Coppola-Filmen mit. Sohn Roman arbeitet als Produktionsassistent für den Vater, wie es auch sein Bruder Gio tat, der 1986 mit 22 Jahren verunglückte. Und Tochter Sofia Coppola, die schon an Drehbüchern des Vaters mitschrieb, ist längst selbst eine gefeierte Filmregisseurin, mit ihren drei Filmen „The Virgin Suicides“, „Lost in Translation“ und „Marie Antoinette“.

Ein Schauspiel-Clan mit Mafiastrukturen? Jedenfalls ist es naheliegend, Francis Ford Coppola auch privat mit seiner berühmtesten Filmfigur in Beziehung zu setzen: Er ist der Film-Pate mit seinem Clan. Naheliegend vor allem deshalb, weil sich Coppola selbst immer mit seinen Protagonisten identifiziert hat: mit dem jungen, sexuell unerfahrenen Mann in „You’re a Big Boy Now“ (1966), mit dem fanatisch bastelnden Abhörtechniker Harry Caul in „The Conversation“ (1974), mit Preston Tucker, dem verrückten Auto-Entwickler, den Jeff Bridges 1988 spielte, vor allem aber mit Michael Corleone, dem Sohn des Paten, der Rolle, mit der Al Pacino berühmt wurde.

Als Coppola 1979 seinen legendären Antikriegsfilm „Apocalypse Now“, im philippinischen Dschungel drehte, warf ihm seine Frau Eleanor vor, dem verrückten Colonel Walter Kurtz, dem Marlon Brando seine unvergessliche Gestalt gab, immer ähnlicher zu werden. Brando und Coppola – da hatten sich zwei gefunden. Exzessive Arbeiter, Fanatiker, großzügig, größenwahnsinnig. Unvergesslich Brandos dunkel-nuschelnde Stimme als „Pate“ Don Vito Corleone. Unvergesslich auch die mindestens so dunklen Szenen in „Apocalypse Now“, die das existenzielle Chaos der Dreharbeiten widerspiegeln. Etwas von der Gefährdung, dem Wahnsinn, der Maßlosigkeit dieses Unternehmens lebt in allen Coppola-Produktionen fort, vom ersten, schrägen Thriller „Dementia 13“ bis zu dem barocken Überwältigungskino von „Bram Stroker’s Dracula“ und dem letzten, verrätselten „Jugend ohne Jugend“, nach einer Novelle des Philosophen Mircea Eliade: einer in Rumänien gedrehten eigenwilligen Zeitreise mit Tim Roth und Alexandra Maria Lara.

In seinem nächsten, gerade fertig gestellten Film „Tetro“, der mit Klaus Maria Brandauer und Vincent Gallo in Argentinien gedreht wurde, geht es um eine Künstlerfamilie, einen dominierenden Vater und rivalisierende Söhne. Francis Ford Coppola bleibt seinen Themen treu.

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