Kultur : Frankfurt: Breakdown auf dem Boulevard

Christian Huther

Ungewöhnlich einsilbig geben sich dieser Tage die Politiker im Frankfurter Römer. Allerdings hätte die Blamage auch kaum peinlicher ausfallen können. Immerhin steht das größte Städtebauprojekt Europas auf dem Spiel, das mit einem geschätzten Bauvolumen von sieben Milliarden Mark sogar den Potsdamer Platz in den Schatten stellen soll. Doch nach dem jetzt bevorstehenden Ausstieg eines Finanzinvestors ist man allseits kleinlaut. Dabei galt der kanadische Immobilienkonzern Trizec-Hahn schon vor zwei Jahren als unsicherer Kantonist. Doch der Eigentümer des rund 90 Hektar großen Geländes auf dem ehemaligen Hauptgüterbahnhof, die Bahn-Tochter Eisenbahn Immobilien Management (EIM), verbündete sich im Sommer 1999 mit den Kanadiern und gab der Deutschen Bank einen Korb, die einen konkurrierenden Entwurf vorgelegt hatte.

Seither siechte das Projekt dahin, über die Planungen des Architekten Albert Speer und die Vorarbeiten auf dem Gelände kam man nicht hinaus. Dabei sollte schon vor einem Jahr mit dem Bau des ersten Teilstückes, des "Urban Entertainment Center" (UEC), begonnen werden. Doch einen Theater- oder Musicalbetreiber hat man bis heute nicht gefunden. Derweilen ging es bei Trizec-Hahn drunter und drüber. Erst wurde nur der Rückzug aus dem Europa-Geschäft und die Konzentration auf den US-Markt bekannt. Inzwischen hat der Europa-Chef das Unternehmen verlassen, die Büros in London und Frankfurt werden bald geschlossen, zuletzt hat der Vorstandsvorsitzende das Handtuch geworfen.

Zwar ließ Trizec-Hahn sogleich verlautbaren, dass die begonnenen Europa-Projekte in Frankfurt und Duisburg weiterverfolgt würden, aber daran glaubt kaum jemand angesichts der Irrungen und Wirrungen aus Kanada. Dabei ist Speers Entwurf eine glänzende Kombination aus einer Erweiterung für die Messegesellschaft und dem Entertainment-Konzept UEC. Gekrönt werden soll alles von einem 1,2 Kilometer langen und 60 Meter breiten Boulevard, der gerne mit der Straße "Unter den Linden" verglichen wird.

Die Deutsche Bank indes hatte vor eineinhalb Jahren überraschend und taktisch etwas ungeschickt eigene Pläne vorgelegt, die vom Architekten Helmut Jahn stammen. Jahn entwarf eine Messestadt mit zweitem Akzent auf Museen, Galerien, Theatern, Stadion und Mehrzweckarena, Büros, Hotels, Wohnungen und Einkaufszentrum. Doch die Frankfurter Politiker fühlten sich vom Vorgehen der Bank überrumpelt und gaben dem Projekt keine Chance zur Diskussion und Überarbeitung, zumal Speer der bessere Städtebauer sei. Nun rächt sich die städtische Abneigung gegen das Geldinstitut, denn die EIM muss sich rasch einen neuen Finanzpartner suchen. Die Deutsche Bank steht bereit, wie Vorstandssprecher Rolf Breuer verlauten ließ - allerdings nur mit ihrem Konzept und zu ihren Konditionen.

Das hieße, die Planungen wieder von vorne zu beginnen. Doch dazu wird es vorerst wohl nicht kommen. Denn in der Mainmetropole ist am 18. März Kommunalwahl. Und so lange wird man sich im Frankfurter Römer vor klaren Worten drücken. Bis dahin werden die Kanadier offiziell ihren Rückzug bekannt geben, und die neue oder alte Stadtregierung kann so tun, als sei sie an dem hausgemachten Debakel unschuldig. Dabei war es eine selten einmütige Front von CDU und SPD, welche die Deutsche Bank abbügelte und Trizec-Hahn geradezu blindlings vertraute.

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