Kultur : Frankfurter Buchmesse GESPRÄCHSSTOFF Island, Kohl und Partylaune

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Die Messe begleitet einen in diesen Frankfurter Tagen auf Schritt und Tritt. Überall in der Stadt trifft man auf Buchmessenbesucher. Sei es im Gemalten Haus, einer der traditionsreichsten Apfelweinkneipen Frankfurts, wo sich zum Beispiel französische Agentinnen erklären lassen, was Handkäse oder Rindswurst ist. Oder wo sich der Schriftsteller Andreas Maier von dem für ihn eher brotlosen Treiben auf dem Messegelände erholt. Oder sei es ein paar Schritte vom Gemalten Haus entfernt, wo einem am Schweizer Platz plötzlich Halldór Gudmundsson über den Weg läuft, ehemaliger Geschäftsführer des größten isländischen Verlags, Schriftsteller, Halldór-Laxness-Biograf, Literaturimpresario. Gudmundsson bereitet den Gastlandauftritt Islands auf der Frankfurter Buchmesse 2011 vor.

„Weißt du“, sagt er, der ein Buch über Islands Staatsbankrott geschrieben hat, „bei uns ist alles gekürzt worden, außer den Geldern für unseren Auftritt nächstes Jahr.“ Er sagt’s, damit es wieder einmal etwas Gutes über Island zu berichten gibt, über seine für die Größe des Landes tatsächlich sehr, sehr vielfältige und reichhaltige Literaturszene. Gudmundsson freut das, wobei sein Selbstbewusstsein unter Islands Krise ohnehin nicht unbedingt gelitten hat: „Ich war neulich im Senegal. Wenn man die Verhältnisse dort betrachtet, relativieren sich unsere Verhätnisse. Wir waren das reichste Land der Welt, jetzt sind wir eben nur noch das zehntreichste.“ Lacht und verschwindet wieder im nächtlichen Treiben.

Dorthin dürfte es den ehemaligen Bundeskanzler eines anderen sehr reichen Landes nicht verschlagen: Helmut Kohl. Er ist schwer krank und sitzt im Rollstuhl. Er hat es sich aber nicht nehmen lassen, zunächst einen Kohl-Fotoband am Stand des Heyne Verlags und danach den dritten Teil seiner Erinnerungen am Stand des Verlages Droemer/Knaur vorzustellen, jenen Teil, der die Jahre 1982 bis 1990 behandelt. Ein trauriger Auftritt: Kohl umgeben von seiner jungen Frau, seinem Wegbegleiter Franz-Josef Jung und dessen Frau sowie dem Droemer-Verlagsleiter Übleis. Dahinter stehen im Halbkreis zehn Anzugmänner mit Knopf im Ohr, Bodyguards. Jung soll das Ganze moderieren, stellt eine Frage, worauf Kohl lange ausholt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Technik nicht funktioniert und selbst in den ersten Reihen am Stand nur Wortfetzen zu vernehmen sind: „Wiedervereinigung“, „Gorbatschow“, „die Mauer“. Man fragt sich, warum er sich das antut, was ihn da antreibt. Vermutlich ist es der berühmte „Mantel der Geschichte“, von dem Kohl sich nicht trennen kann.

Die Party mit dem schlechtesten Ruf aller Buchmessenpartys ist die des Fischer-Verlags. Jedes Jahr aufs Neue gibt es Dialoge wie diese: „Gehst du heute Abend zu Fischer?“ – „Nee. Und wenn, nur kurz, dann aber gleich zu Joachim Unseld oder zum Piper-Verlagsfest.“ Jedes Jahr sind aber todsicher doch wieder ganz, ganz viele Menschen da. Eigentlich alle. Die sich dann im Fischer-Verlagsgebäude in der Hedderichstraße drängen und schubsen müssen, in dem neongrell beleuchteten Entree, gegen das jedes Bahnhofsgebäude ein Hort der Schönheit und Gemütlichkeit ist.

Dann lieber die hübsche Geschichte einer Kollegin aus München. Vor zehn Jahren hat sie bei einem Praktikum im Suhrkamp Verlag noch Siegfried Unseld kennengelernt. „Na, kennengelernt ist übertrieben“, sagt sie, sie seien sich einmal im Fahrstuhl begegnet. Er habe zu ihr gesagt: „Sie haben da einen schönen Rock an!“ Auf ihr höfliches Danke jedoch habe Unseld eine Einschränkung gemacht: „Aber der Rock könnte noch ein wenig kürzer sein.“ Gerrit Bartels

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