Kultur : Frauen von morgen

Silvia Hallensleben

Manchmal braucht es zur angemessenen Aufarbeitung viel zeitliche Distanz. Über ein halbes Jahrhundert musste die Kunstwelt warten, bis das Guggenheim-Museum bereit war, seine 1952 im Streit entlassene Gründungsdirektorin mit einer umfassenden Ausstellung zu ehren. „Art of Tomorrow – Hilla von Rebay und Solomon R. Guggenheim“ ist bis zum 10. August im Deutschen Guggenheim Unter den Linden zu sehen. Die abstrakte Malerin Hilla von Rebay war auch als Kuratorin gläubige Verfechterin der so genannten gegenstandslosen Kunst, deren Spektrum sie in einer vorausschauenden Pionierleistung auf das bewegte Bild erweiterte. So veranstaltete sie regelmäßig „Film Concerts“, bei denen Werke zeitgenössischer Avantgarde-Filmer vorgestellt wurden. Im Arsenal wird anlässlich der Ausstellung am Mittwoch die Rekonstruktion eines solchen historischen Film Concerts zur Aufführung kommen, ein musikalisch gestaltetes Programm mit Werken filmischer Erfindungskünstler wie Hans Richter, Oskar Fischinger, Norman McLaren und Len Lye.

1927, im gleichen Jahr, in dem sich die Baroness von Rebay ins Schiff nach New York setzte, begab sich eine andere tatendurstige junge Frau auf eine zweijährige Weltrundreise mit dem Auto von Frankfurt gen Osten über die Mongolei und Japan, Buenos Aires und New York. Ein auch in technischer Hinsicht ebenso lebensgefährliches wie spektakuläres Abenteuer: Werbewirksam hatte die Großindustriellentochter und Rennfahrerin Clärenore Stinnes bei dieser Unternehmung auf dem Beifahrersitz den schwedischen Fotografen – und späteren Ehemann – Carl-Axel Söderström platziert, der Straßenszenen und dramatische Wüstenquerungen mit der Kamera dokumentierte. Der so entstandene einstündige Film Mit dem Auto durch zwei Welten , der am Donnerstag im Zeughaus-Kino zu sehen ist, ist ein aufschlussreiches Dokument des frühen Abenteuertourismus unter nationalen Vorzeichen. Denn die Reise mit dem Adler Standard 6 ist auch ein patriotischer Propagandafeldzug für ein „Erzeugnis des deutschen Großgewerbes“. Zwischen pittoresken Ansichten aus einem ländlich idyllischen Libanon und Bildern rohfleischverzehrender Nomaden spricht die mit Krawatte und Anzug burschikos inszenierte Abenteuerin ihre zum Teil verstörend rassistischen Kommentare direkt in die Kamera. Von der „Gier entfesselter Bestien“ ist da die Rede.

Vierzig Jahre später in John Boormans Science-Fiction-Fantasie Zardoz sind die Barbaren der Zukunft mit deutlich mehr Sympathie gezeichnet. Als ansehnlichster Vertreter kommt ein schnauzbärtiger Sean Connery mit Lagerfeld-Schwänzchen, rotem Lendenschurz und Munitionsgurten als eine Art halbnackter Rächer des von der Zivilisation Verdrängten daher. „Zardoz“ spielt 2293 in einer geteilten Welt, in deren fortgeschrittenerer Hälfte eine bäuerliche High-Tech-Großkommune die Macht übernommen hat. Hier herrscht spirituelle Diktatur; und die sehr junge Charlotte Rampling als verführerische Amazone über einen unsterblich gewordenen Stamm, der fortan auf Sex wie Fortpflanzung verzichtet. Deuten ließe sich das genial unausgegorene Werk auf tausenderlei Weise. Zitiert werden sollen zur Charakterisierung daher nur zwei Schlüsselsätze aus dem Mund der titelgebenden Gottheit: „The gun is good. The penis is evil.“ (Samstag im Spätprogramm im Filmkunst 66).

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