Kultur : Freiheit des Herzens

Filmregisseur Chen Kaige über Erfolg und das moderne China

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Chen Kaige, „Xiaos Weg“ erzählt eine Geschichte vom Erfolg.

Es ist eine Frage, über die sich jeder Gedanken machen sollte: Was bedeutet eigentlich Erfolg? Jeder träumt davon, aber er ist auch ein Gift, das dich korrumpiert. Wenn du dir treu bleiben willst, solltest du versuchen, die Finger vom Erfolg zu lassen.

Sie gehen dem Erfolg aber nicht gerade aus dem Weg...

Manchmal komme ich mir vor wie der tüchtigste Geschäftsmann der Welt, aber dann gibt es wieder Filme, die ich einfach machen muss, auch wenn ich weiß, dass sie nicht gut ankommen werden. Schwer zu sagen, was mehr Erfolg bedeutet: dass die anderen deine Filme mögen oder dass du sie selbst magst.

In „Xiaos Weg“ spielen Sie einen Geigenlehrer, dem Erfolg über alles geht.

Einige Leute meinen, ich hätte viele Gemeinsamkeiten mit dieser Figur. Aber das stimmt nicht: Ich glaube, dass man vor allem auf sein Herz hören muss – ob man Musik macht oder Filme. Trotzdem ist die Anerkennung der eigenen Leistungen ein guter Weg, im heutigen China zu neuem Selbstbewusstsein zu finden.

Man hat dort heute eher die Möglichkeit, über seinen Weg selbst zu entscheiden. Warum kritisiert der Film trotzdem die neue Zeit?

Wenn ich an das heutige China denke, fällt mir immer der Anfang von Charles Dickens „Geschichte aus zwei Städten“ ein: Dies sind die besten Zeiten. Dies sind die schlimmsten Zeiten. Wir sind auf direktem Weg in den Himmel – in die Hölle. Es sind Zeiten des Umbruchs; die Erfolgssucht in unserem neuen Wertekanon ist dabei sicher kritikwürdig. Aber man kann China nicht mit westlichen Gesellschaften vergleichen. Freiheit erfordert Bildung – ebenso die Demokratie. Diese Voraussetzung ist bei uns noch nicht gegeben. Für mich zählt vor allem die Freiheit des Herzens. Für die ist jeder selbst verantwortlich.

Fehlte Ihnen diese Freiheit, als Sie als Jugendlicher Ihren Vater als Staatsfeind denunzierten?

Ich wurde nicht gezwungen, das zu tun. Trotzdem denke ich im Nachhinein, dass ich damals in jeder Hinsicht fremdbestimmt war: Ich wollte unbedingt beweisen, dass ich ein guter Junge bin, ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft. Heute fühle ich mich zumindest so frei, dass ich über diesen Fehler offen sprechen kann.

Der Junge in „Xiaos Weg“ entscheidet sich gegen das neue, erfolgsorientierte System – und für seinen altmodischen Vater.

Xiao ist ein Rebell, ich war damals keiner. Meine Figuren sollen nicht die gleichen Fehler machen wie ich. Sie sollen Hoffnung verkörpern – auf Freiheit und Individualität.

Auch Hoffnung auf die Freiheit der Kunst?

Dafür ist China noch nicht bereit. Ich weigere mich außerdem, meinen möglichen Einfluss als Filmemacher für politische Zwecke zu nutzen. Ich möchte niemandem nahelegen, wie er sich zu verhalten hat, sondern einfach nur Geschichten erzählen. Und von „Xiaos Weg“ möchte ich, dass er auf der ganzen Welt verstanden wird. Deshalb liegt das Gefühlsleben der Figuren offen da – eine eher westliche Art, Filme zu machen.

Wie erleben Sie die jüngste Generation chinesischer Regisseure?

Diese Generation dreht ihre Filme in der Regel an den chinesischen Zensurbehörden vorbei. „Shouzhou River“ von Lou Ye zum Beispiel ist sehr interessant und kam im Westen gut an. Aber die chinesischen Zuschauer bekamen ihn nie zu Gesicht. Das finde ich nicht richtig. Leider scheitern viele gute Drehbücher an der Zensur. Ich denke, man sollte Drehbücher zu schreiben versuchen, die Chancen haben, durchgewunken zu werden.

Zhang Yimou – wie Sie ein Regisseur der 5. Generation – hatte mit seinem patriotischen „Hero“ keine Probleme mit der Zensur.

Nicht im Geringsten. Schließlich geht es den Behörden vor allem um die Stabilität des Systems. Und in „Hero“ wird die Idee des Kollektivs hoch gehalten: das Opfern des eigenen Lebens für die Gesellschaft. Trotzdem hat der Film in China eine große Diskussion über die Frage der Individualität ausgelöst. Ohne die Unterstützung der Behörden wäre das nicht möglich gewesen: Keiner hätte ihn gesehen. I n China mag der Spielraum für Entscheidungen noch recht klein sein. Aber er ist da. Und er sollte genutzt werden. Wenn es in „Xiaos Weg“ eine Botschaft gibt, dann diese: Triff deine eigenen Entscheidungen und lerne, mit ihnen zu leben.

Das Gespräch führte Brigitte Böttcher.

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